© Renate Dietrich
Renate Dietrich
Glück wohnt in Halifax 1 - Abschied Leseprobe

Kapitel 1

Der sie zeugte, hatte auf einem Schiff angeheuert oder war in einen Krieg gezogen. Vielleicht hatte er sich auch nur davon gemacht, ehe sich die werdende Mutter ihres Zustandes recht bewusst wurde. Eines Tages war er jedenfalls verschwunden und die junge Frau konnte sich nicht einmal daran erinnern, was seine letzten Worte waren, die er zu ihr gesprochen hatte. Sie blieb zurück und begriff bald, wie schrecklich die Einsamkeit war, in die sie die täglich wachsende und sich rührende Last stürzte. So sammelte sie ihre paar Habseligkeiten, die erst kürzlich ausgepackten, wieder ein und kehrte in ihr Dorf zurück, dorthin, wo es nicht nur für sie keine Zukunft gab. Für ihre Eltern kam es nicht überraschend. Dass sie in der Fremde scheitern würde, hatten sie vorausgesehen. So war die Welt eben. Was nicht bedeutete, dass die Zurückgekehrte willkommen gewesen wäre. Die Eltern meinten, dass sie eben auslöffeln müsste, was sie sich eingebrockt hätte, und dass man ihnen keinen Vorwurf daraus machen könnte. So boten sie ihr kaum mehr als ein Dach über dem Kopf, aber das genügte ihr erstmal, um das greinende Bündel abzulegen und sich selbst dazu. Das Haus war alt, aus unbehauenen Steinen gebaut, innen mit Holzlatten verkleidet. Die dicken Mauern saugten die Kälte auf und erwärmten sich auch in den kurzen Sommern kaum. Kleine, selten geputzte Fenster färbten jeden Lichtstrahl grau. Es war der geeignete Rahmen, um den Verlust von Jugend und Freiheit zu betrauern. Denn das war es, was sie dem Neugeborenen niemals würde verzeihen können, dass sie ihr Glück verloren hatte, um ihr das Leben zu schenken. So erfuhr Jennifer Macdonald früh von ihrer übergroßen Schuld und auch von der fernen Stadt, in der das Glück gewohnt hatte: Halifax. Wenn das Glück auch nur kurz gewesen war, geopfert diesem undankbaren Geschöpf, diesem hässlichen Kind, diesem Baby, das so gar nichts hatte, was einen hätte trösten können. So kam Jennifer auf die Welt, aber keiner machte sich die Mühe, sie ihr zu erklären. Sie musste sich selbst zurechtfinden. Es gab um sie herum drei Riesen, die sie herum schubsten und zu denen sie nur aufschauen konnte, und jeder einzelne war auf seine Art zum Fürchten. Dazwischen hockte sie, das kleine Nichts, und versuchte sich unsichtbar zu machen. In alles, was im Haus geschah, mischte sich der Wind ein. Die Erde, auf der das Haus stand, war feucht und roch nach dem Feuer, das abends im Kamin angezündet wurde. Es gab ein paar Schafe, die mit gesenkten Köpfen Gräser zupften. Im Frühling bekamen sie Lämmer. Die blökten herzzerreißend, wenn sie Ende des Sommers von ihren Mutterschafen getrennt wurden, und die Mütter antworteten ihnen mit gleicher Verzweiflung. Aber nur einen Tag und eine Nacht lang. Dann hatten sie einander vergessen, selbst wenn man sie wieder zueinanderließ. Als sie endlich eine gewisse Vorstellung von ihrer Welt hatte, begann sie über sich selbst nachzudenken. Ihr Name war Jennifer. Warum? Der Name rief keine Erinnerung hervor, weder in ihrer Familie noch unter den Nachbarn. Mit einem anderen Namen hätte sie vielleicht dazugehört, weil damit das Andenken an einen Vorausgegangenen geehrt worden wäre, so wie sich andere Familien an Väter- oder Großväternamen wiedererkannten. Aber diese leeren Laute ehrte niemanden, am wenigsten sie selbst. Über ihren Vater wurde nie gesprochen, ja, es wurde noch nicht einmal dessen biologische Notwendigkeit zugegeben. Und doch ahnte sie, dass in ihrem Leben etwas Entscheidendes fehlte, und sie verbrachte viele Stunden damit, sich das Fehlende vorzustellen und ihm Gesicht und Gestalt zu geben. An sich lastete auf Unehelichkeit im Tal kein besonderes Stigma. Vielen Kindern fehlte der Vater, bzw. ihre Ernährer waren nicht ihre Erzeuger. Sie gehörten dennoch ganz selbstverständlich zur dörflichen Gemeinschaft, als Mitglieder großer, vielfach versippter Familien. Sie büßten nicht für die Sünden der Mütter oder der Väter. Schließlich waren die Winternächte hier lang, dunkel und stürmisch. Man konnte nicht viel mehr tun als reden und trinken, und, wenn man von beidem genug hatte, zog man sich in einen dunklen Winkel zu anderen Vergnügungen zurück. Was Jennifers Mutter betraf, so gab es im Dorf nicht wenige Männer, die in ihrer nachgewiesenen Fruchtbarkeit eher eine Ermunterung sahen als ein Hindernis, und die nichts dagegen gehabt hätten, sich mit der immer noch attraktiven Frau zusammen zu tun. Es hätte ja nicht gleich eine Ehe sein müssen. Jenseits dessen gab es eine Fülle von Beiwohnungsmöglichkeiten, die in der Form des In-den-Augen-der-Welt- Zusammengehörens sogar rechtlich anerkannt wurden. Wenn Jennifers Mutter nur bescheidener gewesen wäre, hätte sie sich durch Willfährigkeit und eine gewisse Bereitschaft, auch einmal ein Auge zuzudrücken, ein gewisses Glück und eine zuverlässigere Versorgung sichern können, aber so etwas war nach dem Leben in der anderen, der großen Welt, nicht nach ihrem Geschmack. Sie ließ sich lachend umwerben und sie hörte auch nicht auf zu lachen, wenn sich die abgeblitzten Bewerber schließlich verärgert aus dem Staub machten. Sie stellte Forderungen, wo ihr zu fordern nicht zustand, kritisierte, wo sie hätte hinnehmen sollen, lockte an, ohne zu gewähren, und hatte es sich also selbst zuzuschreiben, dass sie in einer regnerischen Herbstnacht auf dem Rücksitz eines Wagens von vier starken Händen gehalten, unfreiwillig und heulend ihr zweites Kind empfing und den möglichen Vater nur als einen von dreien angeben konnte. Diesmal waren die in Frage kommenden Väter allen bekannt, aber niemand - noch nicht einmal das Opfer - wäre auf die Idee gekommen, die Polizei einzuschalten. So etwas tat man nicht. Man regelte Probleme dieser Art unter sich. Jeder der Übeltäter erhielt eines Nachts im Schutz der Dunkelheit eine gehörige Tracht Prügel von denjenigen, die sich dazu berufen fühlten, und musste anschließend in aller Öffentlichkeit beschämt seine Zerschlagenheit zur Schau stellen, bis die Wunden verheilt waren. So schien der Gerechtigkeit Genüge getan und Jennifers kleiner Bruder wurde im Dorf in einer Weise akzeptiert, wie es ihr nie passiert war. Er wurde auf den viel zu klangvollen Namen Julian getauft, und alle potentiellen Väter waren bei der Taufe in der Kirche im Kreis ihrer Familien anwesend. Julian war ein gesundes Kind mit herzigen Gesichtchen und lauter Stimme. Er entwickelte sich hervorragend, heimlich und neugierig beäugt von jedem, der auf eine sich herausbildende Ähnlichkeit wartete, welche den Streit um eine mögliche Vaterschaft endgültig beilegen würde. Worin sich Jennifer schmerzlich von anderen Bastarden unterschied, war, dass diese zwar ohne Vatersnamen auskommen mussten, jedoch ihre Erzeuger kannten und häufig Tür an Tür mit ihnen lebten. Nicht wenige von denen, die sich in einer schwachen Stunde vergessen hatten, hegten eine stille Zuneigung für ihre Extrabrut und unterstützten sie nach besten, wenn auch bescheidenen, Kräften. Am Sonntag in der Kirche hielten sie alle, die mit und die ohne Väter, dem Pastor ihre gewaschenen leeren Gesichter entgegen und wussten von nichts, im Alltag jedoch waren die verwandtschaftlichen Beziehungen kollektives Wissen, weitergegeben auf den üblichen Wegen geflüsterter mündlicher Nachrichten. Man hatte ihr gesagt, ein Geschwisterchen zu bekommen, wäre etwas Schönes, aber Jennifer sah keinen Grund, sich über Julian zu freuen. Eifersüchtig registrierte sie, dass er von Anfang an zu viel von dem bekam, was ihr immer gefehlt hatte: Aufmerksamkeit, weil er lautstark darum kämpfte, aber auch Zuneigung, weil er zwar unfreiwillig empfangen, aber wenigstens nicht für eine lebenszerstörende Enttäuschung verantwortlich gemacht wurde. Man durfte ihn nicht einmal hauen, wenn er einem das kostbare Spielzeug zerbrach, obwohl man selbst geschlagen wurde, wenn man etwas fallen ließ. Früh reifte bei Jennifer der Verdacht, dass ihr Bruder ihre Lage besser erkannte als sie selbst, und sich das zu Nutze machte, um sie immer wieder ins Unrecht zu setzen. Manchmal hätte sie ihn wirklich umbringen können. Dass sie so etwas auch nur denken konnte, erschreckte sie zutiefst. Sie war bereits zu nachdenklich, um arglos böse sein zu können. Das machte sie ihm gegenüber noch hilfloser. Jennifer litt an sich selbst, nicht nur als ewiger Zerstörerin des Lebensglücks ihrer Mutter, sondern auch, weil es ihr nicht gelingen wollte, einen zu finden, zu dem sie gehörte. Bevor sie begriff, dass der Schlüssel zu ihrer Existenz in der fernen Stadt verloren gegangen war, hatte sie sich zaghaft immer wieder zu dem einen oder anderen Mann im Dorf gestellt, in der Hoffnung, durch einen Seitenblick erkannt zu werden, durch eine ausgestreckte Hand angenommen zu werden. Doch der Blick kam nie und die Hand blieb aus, während das Kind sich öfter und öfter im Spiegel beäugte und dabei feststellte, dass sie seltsam aussah und keinem ähnelte, den sie kannte. Sie war dunkelhäutig, dunkelhaarig und dunkeläugig. Nun hatten viele ihrer Landsleute schwarze Haare, aber die bildeten oft mit einer typischen hellen Haut und leuchtend grünen Augen einen fast magischen Kontrast. Ihre Mutter und Julian gehörten zu diesen Glücklichen. Jennifer dagegen sah aus, als hätte man sie durch den moorigen Boden ihrer Heimat gezogen und anschließend vergessen, den Schmutz herunter zu waschen. An ihrem ersten Schultag krähte ein anderes kleines Mädchen, dass doch jeder wüsste, dass ihr Vater ein Schwarzer wäre. Jennifer hatte keine Ahnung, was ein Schwarzer sein sollte. Arglos fragte sie zu Hause danach. Dafür erhielt sie eine Ohrfeige und es wurde ihr verboten, das Wort jemals wieder in den Mund zu nehmen. Sie war immer schon zu groß gewesen. Bereits bei ihrer Geburt zeichnete sich ab, dass es zwischen der schmal gebauten Mutter und dem Riesenpfropfen, den sie unter Schreien und Verwünschungen herauspresste, kaum Frieden geben könnte. Sie war zu groß, als sie geboren wurde, und dann wuchs sie auch noch zu schnell. Ihre Großmutter erbettelte mit dem Hinweis auf das Missgeschick ihrer Tochter abgelegte Kleidungsstücke von den Eltern glücklicherer Kinder, aber sie wuchs in kürzester Zeit durch alles hindurch, so als wolle das Kind alles Abgetragene so schnell wie möglich hinter sich lassen. Als sie eingeschult wurde und zum ersten Mal dem Vergleich mit Gleichaltrigen ausgesetzt war, hatte sie bereits ein großes, etwas zu flaches Gesicht, in dem vor allem die weit auseinanderstehenden Augen auffielen. Sie war nicht ausgesprochen hässlich, nur so seltsam anders, dass sie manchem kaum menschlich erschien. Ihre Lehrerin verharrte oft nachdenklich über ihr, während das Kind sich bemühte, die geforderten Schafe, die blauen Berge und das grüne Gras zu malen. Die Lehrerin fragte sich dann, ob es Mitleid oder Misstrauen war, welches sie veranlasste, Jennifer immer ein wenig anders zu behandeln als die anderen Kinder. Die blieb davon unberührt, so wie es sie auch nicht zu stören schien, dass ihre Mitschüler zunächst ausprobierten, inwieweit sie sich als Opfer eignete. Die Behandlung, die sie in der Schule erfuhr, unterschied sich wenig von der, die sie gewöhnt war. So verstand sie auch nicht, dass sie vereinzelt und ausgesondert werden sollte. Ihre Zurückhaltung und ihre körperliche Größe verschafften ihr bald Ruhe, wenn nicht sogar ein bisschen Respekt. Der andere Grund, warum die Lehrerin öfter über sie nachdachte, war ihre Art zu lernen. Es schien, als gäbe es für sie nur die Alternative: sie konnte nichts oder sie konnte alles. Dazwischen gab es keinen erkennbaren Übergang. Beharrlich weigerte sich ihre Hand über viele Monate hinweg auch nur einen erkennbaren Buchstaben zu Papier zu bringen, bis sie eines Tages unter den Augen der verblüfften Lehrerin ein Blatt in einer Schrift füllte, die ihrem Alter weit voraus war. Ebenso war es mit dem Lesen. Sie buchstabierte sich mühsam durch ihr erstes Schuljahr, während andere schon sehr nett ganze Worte lesen konnten. Dann, nach den ersten großen Ferien, kam sie zurück, las fließend auch schwierige Worte und hatte ein Verständnis für das Gelesene entwickelt, dem bald auch eine überraschende schriftliche Ausdrucks- fähigkeit folgte.
Renate Dietrich
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Glück wohnt in Halifax 1 - Abschied Leseprobe

Kapitel 1

Der sie zeugte, hatte auf einem Schiff ange- heuert oder war in einen Krieg gezogen. Vielleicht hatte er sich auch nur davon gemacht, ehe sich die werdende Mutter ihres Zustandes recht bewusst wurde. Eines Tages war er jedenfalls verschwunden und die junge Frau konnte sich nicht einmal daran erinnern, was seine letzten Worte waren, die er zu ihr gesprochen hatte. Sie blieb zurück und begriff bald, wie schrecklich die Einsamkeit war, in die sie die täglich wachsende und sich rührende Last stürzte. So sammelte sie ihre paar Habseligkeiten, die erst kürzlich ausge- packten, wieder ein und kehrte in ihr Dorf zurück, dorthin, wo es nicht nur für sie keine Zukunft gab. Für ihre Eltern kam es nicht überraschend. Dass sie in der Fremde scheitern würde, hatten sie vorausgesehen. So war die Welt eben. Was nicht bedeutete, dass die Zurückgekehrte willkommen gewesen wäre. Die Eltern meinten, dass sie eben auslöffeln müsste, was sie sich eingebrockt hätte, und dass man ihnen keinen Vorwurf daraus machen könnte. So boten sie ihr kaum mehr als ein Dach über dem Kopf, aber das genügte ihr erstmal, um das greinende Bündel abzulegen und sich selbst dazu. Das Haus war alt, aus unbehauenen Steinen gebaut, innen mit Holzlatten verkleidet. Die dicken Mauern saugten die Kälte auf und erwärmten sich auch in den kurzen Sommern kaum. Kleine, selten geputzte Fenster färbten jeden Lichtstrahl grau. Es war der geeignete Rahmen, um den Verlust von Jugend und Freiheit zu betrauern. Denn das war es, was sie dem Neugeborenen niemals würde verzeihen können, dass sie ihr Glück verloren hatte, um ihr das Leben zu schenken. So erfuhr Jennifer Macdonald früh von ihrer übergroßen Schuld und auch von der fernen Stadt, in der das Glück gewohnt hatte: Halifax. Wenn das Glück auch nur kurz gewesen war, geopfert diesem undankbaren Geschöpf, diesem hässlichen Kind, diesem Baby, das so gar nichts hatte, was einen hätte trösten können. So kam Jennifer auf die Welt, aber keiner machte sich die Mühe, sie ihr zu erklären. Sie musste sich selbst zurechtfinden. Es gab um sie herum drei Riesen, die sie herum schubsten und zu denen sie nur aufschauen konnte, und jeder einzelne war auf seine Art zum Fürchten. Dazwischen hockte sie, das kleine Nichts, und versuchte sich unsichtbar zu machen. In alles, was im Haus geschah, mischte sich der Wind ein. Die Erde, auf der das Haus stand, war feucht und roch nach dem Feuer, das abends im Kamin angezündet wurde. Es gab ein paar Schafe, die mit gesenkten Köpfen Gräser zupften. Im Frühling bekamen sie Lämmer. Die blökten herzzerreißend, wenn sie Ende des Sommers von ihren Mutterschafen getrennt wurden, und die Mütter antworteten ihnen mit gleicher Verzweiflung. Aber nur einen Tag und eine Nacht lang. Dann hatten sie einander vergessen, selbst wenn man sie wieder zueinanderließ. Als sie endlich eine gewisse Vorstellung von ihrer Welt hatte, begann sie über sich selbst nachzudenken. Ihr Name war Jennifer. Warum? Der Name rief keine Erinnerung hervor, weder in ihrer Familie noch unter den Nachbarn. Mit einem anderen Namen hätte sie vielleicht dazugehört, weil damit das Andenken an einen Vorausgegangenen geehrt worden wäre, so wie sich andere Familien an Väter- oder Großväternamen wiedererkannten. Aber diese leeren Laute ehrte niemanden, am wenigsten sie selbst. Über ihren Vater wurde nie gesprochen, ja, es wurde noch nicht einmal dessen biologische Notwendigkeit zugegeben. Und doch ahnte sie, dass in ihrem Leben etwas Entscheidendes fehlte, und sie verbrachte viele Stunden damit, sich das Fehlende vorzustellen und ihm Gesicht und Gestalt zu geben. An sich lastete auf Unehelichkeit im Tal kein besonderes Stigma. Vielen Kindern fehlte der Vater, bzw. ihre Ernährer waren nicht ihre Erzeuger. Sie gehörten dennoch ganz selbstverständlich zur dörflichen Gemeinschaft, als Mitglieder großer, vielfach versippter Familien. Sie büßten nicht für die Sünden der Mütter oder der Väter. Schließlich waren die Winternächte hier lang, dunkel und stürmisch. Man konnte nicht viel mehr tun als reden und trinken, und, wenn man von beidem genug hatte, zog man sich in einen dunklen Winkel zu anderen Vergnügungen zurück. Was Jennifers Mutter betraf, so gab es im Dorf nicht wenige Männer, die in ihrer nachgewiesenen Fruchtbarkeit eher eine Ermunterung sahen als ein Hindernis, und die nichts dagegen gehabt hätten, sich mit der immer noch attraktiven Frau zusammen zu tun. Es hätte ja nicht gleich eine Ehe sein müssen. Jenseits dessen gab es eine Fülle von Beiwohnungsmöglichkeiten, die in der Form des In- den-Augen-der-Welt-Zusammengehörens sogar rechtlich anerkannt wurden. Wenn Jennifers Mutter nur bescheidener gewesen wäre, hätte sie sich durch Willfährigkeit und eine gewisse Bereitschaft, auch einmal ein Auge zuzudrücken, ein gewisses Glück und eine zuverlässigere Versorgung sichern können, aber so etwas war nach dem Leben in der anderen, der großen Welt, nicht nach ihrem Geschmack. Sie ließ sich lachend umwerben und sie hörte auch nicht auf zu lachen, wenn sich die abgeblitzten Bewerber schließlich verärgert aus dem Staub machten. Sie stellte Forderungen, wo ihr zu fordern nicht zustand, kritisierte, wo sie hätte hinnehmen sollen, lockte an, ohne zu gewähren, und hatte es sich also selbst zuzuschreiben, dass sie in einer regnerischen Herbstnacht auf dem Rücksitz eines Wagens von vier starken Händen gehalten, unfreiwillig und heulend ihr zweites Kind empfing und den möglichen Vater nur als einen von dreien angeben konnte. Diesmal waren die in Frage kommenden Väter allen bekannt, aber niemand - noch nicht einmal das Opfer - wäre auf die Idee gekommen, die Polizei einzuschalten. So etwas tat man nicht. Man regelte Probleme dieser Art unter sich. Jeder der Übeltäter erhielt eines Nachts im Schutz der Dunkelheit eine gehörige Tracht Prügel von denjenigen, die sich dazu berufen fühlten, und musste anschließend in aller Öffentlichkeit beschämt seine Zerschlagenheit zur Schau stellen, bis die Wunden verheilt waren. So schien der Gerechtigkeit Genüge getan und Jennifers kleiner Bruder wurde im Dorf in einer Weise akzeptiert, wie es ihr nie passiert war. Er wurde auf den viel zu klangvollen Namen Julian getauft, und alle potentiellen Väter waren bei der Taufe in der Kirche im Kreis ihrer Familien an- wesend. Julian war ein gesundes Kind mit herzigen Gesichtchen und lauter Stimme. Er entwickelte sich hervorragend, heimlich und neugierig beäugt von jedem, der auf eine sich herausbildende Ähnlichkeit wartete, welche den Streit um eine mögliche Vaterschaft endgültig beilegen würde. Worin sich Jennifer schmerzlich von anderen Bastarden unterschied, war, dass diese zwar ohne Vatersnamen auskommen mussten, jedoch ihre Erzeuger kannten und häufig Tür an Tür mit ihnen lebten. Nicht wenige von denen, die sich in einer schwachen Stunde vergessen hatten, hegten eine stille Zuneigung für ihre Extrabrut und unterstützten sie nach besten, wenn auch bescheidenen, Kräften. Am Sonntag in der Kirche hielten sie alle, die mit und die ohne Väter, dem Pastor ihre gewaschenen leeren Gesichter entgegen und wussten von nichts, im Alltag jedoch waren die verwandtschaftlichen Beziehungen kollektives Wissen, weitergegeben auf den üblichen Wegen geflüsterter mündlicher Nachrichten. Man hatte ihr gesagt, ein Geschwisterchen zu bekommen, wäre etwas Schönes, aber Jennifer sah keinen Grund, sich über Julian zu freuen. Eifersüchtig registrierte sie, dass er von Anfang an zu viel von dem bekam, was ihr immer gefehlt hatte: Aufmerksamkeit, weil er lautstark darum kämpfte, aber auch Zuneigung, weil er zwar unfreiwillig empfangen, aber wenigstens nicht für eine lebenszerstörende Enttäuschung verantwortlich gemacht wurde. Man durfte ihn nicht einmal hauen, wenn er einem das kostbare Spielzeug zerbrach, obwohl man selbst geschlagen wurde, wenn man etwas fallen ließ. Früh reifte bei Jennifer der Verdacht, dass ihr Bruder ihre Lage besser erkannte als sie selbst, und sich das zu Nutze machte, um sie immer wieder ins Unrecht zu setzen. Manchmal hätte sie ihn wirklich umbringen können. Dass sie so etwas auch nur denken konnte, erschreckte sie zutiefst. Sie war bereits zu nachdenklich, um arglos böse sein zu können. Das machte sie ihm gegenüber noch hilfloser. Jennifer litt an sich selbst, nicht nur als ewiger Zerstörerin des Lebensglücks ihrer Mutter, sondern auch, weil es ihr nicht gelingen wollte, einen zu finden, zu dem sie gehörte. Bevor sie begriff, dass der Schlüssel zu ihrer Existenz in der fernen Stadt verloren gegangen war, hatte sie sich zaghaft immer wieder zu dem einen oder anderen Mann im Dorf gestellt, in der Hoffnung, durch einen Seitenblick erkannt zu werden, durch eine ausgestreckte Hand angenommen zu werden. Doch der Blick kam nie und die Hand blieb aus, während das Kind sich öfter und öfter im Spiegel beäugte und dabei feststellte, dass sie seltsam aussah und keinem ähnelte, den sie kannte. Sie war dunkelhäutig, dunkelhaarig und dunkeläugig. Nun hatten viele ihrer Landsleute schwarze Haare, aber die bildeten oft mit einer typischen hellen Haut und leuchtend grünen Augen einen fast magischen Kontrast. Ihre Mutter und Julian gehörten zu diesen Glücklichen. Jennifer dagegen sah aus, als hätte man sie durch den moorigen Boden ihrer Heimat gezogen und anschließend vergessen, den Schmutz herunter zu waschen. An ihrem ersten Schultag krähte ein anderes kleines Mädchen, dass doch jeder wüsste, dass ihr Vater ein Schwarzer wäre. Jennifer hatte keine Ahnung, was ein Schwarzer sein sollte. Arglos fragte sie zu Hause danach. Dafür erhielt sie eine Ohrfeige und es wurde ihr verboten, das Wort jemals wieder in den Mund zu nehmen. Sie war immer schon zu groß gewesen. Bereits bei ihrer Geburt zeichnete sich ab, dass es zwischen der schmal gebauten Mutter und dem Riesenpfropfen, den sie unter Schreien und Verwünschungen herauspresste, kaum Frieden geben könnte. Sie war zu groß, als sie geboren wurde, und dann wuchs sie auch noch zu schnell. Ihre Großmutter erbettelte mit dem Hinweis auf das Missgeschick ihrer Tochter abgelegte Kleidungs- stücke von den Eltern glücklicherer Kinder, aber sie wuchs in kürzester Zeit durch alles hindurch, so als wolle das Kind alles Abgetragene so schnell wie möglich hinter sich lassen. Als sie eingeschult wurde und zum ersten Mal dem Vergleich mit Gleichaltrigen ausgesetzt war, hatte sie bereits ein großes, etwas zu flaches Gesicht, in dem vor allem die weit auseinanderstehenden Augen auffielen. Sie war nicht ausgesprochen hässlich, nur so seltsam anders, dass sie manchem kaum menschlich erschien. Ihre Lehrerin verharrte oft nachdenklich über ihr, während das Kind sich bemühte, die geforderten Schafe, die blauen Berge und das grüne Gras zu malen. Die Lehrerin fragte sich dann, ob es Mitleid oder Misstrauen war, welches sie veranlasste, Jennifer immer ein wenig anders zu behandeln als die anderen Kinder. Die blieb davon unberührt, so wie es sie auch nicht zu stören schien, dass ihre Mitschüler zunächst ausprobierten, inwieweit sie sich als Opfer eignete. Die Behandlung, die sie in der Schule erfuhr, unterschied sich wenig von der, die sie gewöhnt war. So verstand sie auch nicht, dass sie vereinzelt und ausgesondert werden sollte. Ihre Zurückhaltung und ihre körperliche Größe ver- schafften ihr bald Ruhe, wenn nicht sogar ein bisschen Respekt. Der andere Grund, warum die Lehrerin öfter über sie nachdachte, war ihre Art zu lernen. Es schien, als gäbe es für sie nur die Alternative: sie konnte nichts oder sie konnte alles. Dazwischen gab es keinen erkennbaren Übergang. Beharrlich weigerte sich ihre Hand über viele Monate hinweg auch nur einen erkennbaren Buchstaben zu Papier zu bringen, bis sie eines Tages unter den Augen der verblüfften Lehrerin ein Blatt in einer Schrift füllte, die ihrem Alter weit voraus war. Ebenso war es mit dem Lesen. Sie buchstabierte sich mühsam durch ihr erstes Schuljahr, während andere schon sehr nett ganze Worte lesen konnten. Dann, nach den ersten großen Ferien, kam sie zurück, las fließend auch schwierige Worte und hatte ein Verständnis für das Gelesene entwickelt, dem bald auch eine überraschende schriftliche Ausdrucksfähigkeit folgte.