Kapitel 1
Der
sie
zeugte,
hatte
auf
einem
Schiff
angeheuert
oder
war
in
einen
Krieg
gezogen.
Vielleicht
hatte
er
sich
auch
nur
davon
gemacht,
ehe
sich
die
werdende
Mutter
ihres
Zustandes
recht
bewusst
wurde.
Eines
Tages
war
er
jedenfalls
verschwunden
und
die
junge
Frau
konnte
sich
nicht
einmal
daran
erinnern,
was
seine
letzten
Worte
waren,
die
er zu ihr gesprochen hatte.
Sie
blieb
zurück
und
begriff
bald,
wie
schrecklich
die
Einsamkeit
war,
in
die
sie
die
täglich
wachsende
und
sich
rührende
Last
stürzte.
So
sammelte
sie
ihre
paar
Habseligkeiten,
die
erst
kürzlich
ausgepackten,
wieder
ein
und
kehrte
in
ihr
Dorf
zurück, dorthin, wo es nicht nur für sie keine Zukunft gab.
Für
ihre
Eltern
kam
es
nicht
überraschend.
Dass
sie
in
der
Fremde
scheitern
würde,
hatten
sie
vorausgesehen.
So
war
die
Welt
eben.
Was
nicht
bedeutete,
dass
die
Zurückgekehrte
willkommen
gewesen
wäre.
Die
Eltern
meinten,
dass
sie
eben
auslöffeln
müsste,
was
sie
sich
eingebrockt
hätte,
und
dass
man
ihnen
keinen
Vorwurf
daraus
machen
könnte.
So
boten
sie
ihr
kaum
mehr
als
ein
Dach
über
dem
Kopf,
aber
das genügte ihr erstmal, um das greinende Bündel abzulegen und sich selbst dazu.
Das
Haus
war
alt,
aus
unbehauenen
Steinen
gebaut,
innen
mit
Holzlatten
verkleidet.
Die
dicken
Mauern
saugten
die
Kälte
auf
und
erwärmten
sich
auch
in
den
kurzen
Sommern
kaum.
Kleine,
selten
geputzte
Fenster
färbten
jeden
Lichtstrahl
grau.
Es
war
der
geeignete
Rahmen,
um
den
Verlust
von
Jugend
und
Freiheit
zu
betrauern.
Denn
das
war
es,
was
sie
dem
Neugeborenen
niemals
würde
verzeihen
können,
dass
sie
ihr
Glück
verloren
hatte,
um
ihr
das
Leben
zu
schenken.
So
erfuhr
Jennifer
Macdonald
früh
von
ihrer
übergroßen
Schuld
und
auch
von
der
fernen
Stadt,
in
der
das
Glück
gewohnt
hatte:
Halifax.
Wenn
das
Glück
auch
nur
kurz
gewesen
war,
geopfert
diesem
undankbaren
Geschöpf,
diesem
hässlichen
Kind,
diesem
Baby,
das
so
gar
nichts hatte, was einen hätte trösten können.
So
kam
Jennifer
auf
die
Welt,
aber
keiner
machte
sich
die
Mühe,
sie
ihr
zu
erklären.
Sie
musste
sich
selbst
zurechtfinden.
Es
gab
um
sie
herum
drei
Riesen,
die
sie
herum
schubsten
und
zu
denen
sie
nur
aufschauen
konnte,
und
jeder
einzelne
war
auf
seine
Art
zum
Fürchten.
Dazwischen
hockte
sie,
das
kleine
Nichts,
und
versuchte
sich
unsichtbar zu machen.
In
alles,
was
im
Haus
geschah,
mischte
sich
der
Wind
ein.
Die
Erde,
auf
der
das
Haus
stand,
war
feucht
und
roch
nach
dem
Feuer,
das
abends
im
Kamin
angezündet
wurde.
Es
gab
ein
paar
Schafe,
die
mit
gesenkten
Köpfen
Gräser
zupften.
Im
Frühling
bekamen
sie
Lämmer.
Die
blökten
herzzerreißend,
wenn
sie
Ende
des
Sommers
von
ihren
Mutterschafen
getrennt
wurden,
und
die
Mütter
antworteten
ihnen
mit
gleicher
Verzweiflung.
Aber
nur
einen
Tag
und
eine
Nacht
lang.
Dann
hatten
sie
einander
vergessen, selbst wenn man sie wieder zueinanderließ.
Als
sie
endlich
eine
gewisse
Vorstellung
von
ihrer
Welt
hatte,
begann
sie
über
sich
selbst
nachzudenken.
Ihr
Name
war
Jennifer.
Warum?
Der
Name
rief
keine
Erinnerung
hervor,
weder
in
ihrer
Familie
noch
unter
den
Nachbarn.
Mit
einem
anderen
Namen
hätte
sie
vielleicht
dazugehört,
weil
damit
das
Andenken
an
einen
Vorausgegangenen
geehrt
worden
wäre,
so
wie
sich
andere
Familien
an
Väter-
oder
Großväternamen
wiedererkannten. Aber diese leeren Laute ehrte niemanden, am wenigsten sie selbst.
Über
ihren
Vater
wurde
nie
gesprochen,
ja,
es
wurde
noch
nicht
einmal
dessen
biologische
Notwendigkeit
zugegeben.
Und
doch
ahnte
sie,
dass
in
ihrem
Leben
etwas
Entscheidendes
fehlte,
und
sie
verbrachte
viele
Stunden
damit,
sich
das
Fehlende
vorzustellen
und
ihm
Gesicht
und
Gestalt
zu
geben.
An
sich
lastete
auf
Unehelichkeit
im
Tal
kein
besonderes
Stigma.
Vielen
Kindern
fehlte
der
Vater,
bzw.
ihre
Ernährer
waren
nicht
ihre
Erzeuger.
Sie
gehörten
dennoch
ganz
selbstverständlich
zur
dörflichen
Gemeinschaft,
als
Mitglieder
großer,
vielfach
versippter
Familien.
Sie
büßten
nicht
für
die
Sünden
der
Mütter
oder
der
Väter.
Schließlich
waren
die
Winternächte
hier
lang,
dunkel
und
stürmisch.
Man
konnte
nicht
viel
mehr
tun
als
reden
und
trinken,
und,
wenn
man
von
beidem
genug
hatte,
zog
man
sich
in
einen
dunklen
Winkel
zu
anderen
Vergnügungen zurück.
Was
Jennifers
Mutter
betraf,
so
gab
es
im
Dorf
nicht
wenige
Männer,
die
in
ihrer
nachgewiesenen
Fruchtbarkeit
eher
eine
Ermunterung
sahen
als
ein
Hindernis,
und
die
nichts
dagegen
gehabt
hätten,
sich
mit
der
immer
noch
attraktiven
Frau
zusammen
zu
tun.
Es
hätte
ja
nicht
gleich
eine
Ehe
sein
müssen.
Jenseits
dessen
gab
es
eine
Fülle
von
Beiwohnungsmöglichkeiten,
die
in
der
Form
des
In-den-Augen-der-Welt-
Zusammengehörens sogar rechtlich anerkannt wurden.
Wenn
Jennifers
Mutter
nur
bescheidener
gewesen
wäre,
hätte
sie
sich
durch
Willfährigkeit
und
eine
gewisse
Bereitschaft,
auch
einmal
ein
Auge
zuzudrücken,
ein
gewisses
Glück
und
eine
zuverlässigere
Versorgung
sichern
können,
aber
so
etwas
war
nach
dem
Leben
in
der
anderen,
der
großen
Welt,
nicht
nach
ihrem
Geschmack.
Sie
ließ
sich
lachend
umwerben
und
sie
hörte
auch
nicht
auf
zu
lachen,
wenn
sich
die
abgeblitzten
Bewerber
schließlich
verärgert
aus
dem
Staub
machten.
Sie
stellte
Forderungen,
wo
ihr
zu
fordern
nicht
zustand,
kritisierte,
wo
sie
hätte
hinnehmen
sollen,
lockte
an,
ohne
zu
gewähren,
und
hatte
es
sich
also
selbst
zuzuschreiben,
dass
sie
in
einer
regnerischen
Herbstnacht
auf
dem
Rücksitz
eines
Wagens
von
vier
starken
Händen
gehalten,
unfreiwillig
und
heulend
ihr
zweites
Kind
empfing
und
den
möglichen
Vater nur als einen von dreien angeben konnte.
Diesmal
waren
die
in
Frage
kommenden
Väter
allen
bekannt,
aber
niemand
-
noch
nicht
einmal
das
Opfer
-
wäre
auf
die
Idee
gekommen,
die
Polizei
einzuschalten.
So
etwas
tat
man
nicht.
Man
regelte
Probleme
dieser
Art
unter
sich.
Jeder
der
Übeltäter
erhielt
eines
Nachts
im
Schutz
der
Dunkelheit
eine
gehörige
Tracht
Prügel
von
denjenigen,
die
sich
dazu
berufen
fühlten,
und
musste
anschließend
in
aller
Öffentlichkeit
beschämt
seine
Zerschlagenheit
zur
Schau
stellen,
bis
die
Wunden
verheilt waren.
So
schien
der
Gerechtigkeit
Genüge
getan
und
Jennifers
kleiner
Bruder
wurde
im
Dorf
in
einer
Weise
akzeptiert,
wie
es
ihr
nie
passiert
war.
Er
wurde
auf
den
viel
zu
klangvollen
Namen
Julian
getauft,
und
alle
potentiellen
Väter
waren
bei
der
Taufe
in
der Kirche im Kreis ihrer Familien anwesend.
Julian
war
ein
gesundes
Kind
mit
herzigen
Gesichtchen
und
lauter
Stimme.
Er
entwickelte
sich
hervorragend,
heimlich
und
neugierig
beäugt
von
jedem,
der
auf
eine
sich
herausbildende
Ähnlichkeit
wartete,
welche
den
Streit
um
eine
mögliche
Vaterschaft endgültig beilegen würde.
Worin
sich
Jennifer
schmerzlich
von
anderen
Bastarden
unterschied,
war,
dass
diese
zwar
ohne
Vatersnamen
auskommen
mussten,
jedoch
ihre
Erzeuger
kannten
und
häufig
Tür
an
Tür
mit
ihnen
lebten.
Nicht
wenige
von
denen,
die
sich
in
einer
schwachen
Stunde
vergessen
hatten,
hegten
eine
stille
Zuneigung
für
ihre
Extrabrut
und
unterstützten
sie
nach
besten,
wenn
auch
bescheidenen,
Kräften.
Am
Sonntag
in
der
Kirche
hielten
sie
alle,
die
mit
und
die
ohne
Väter,
dem
Pastor
ihre
gewaschenen
leeren
Gesichter
entgegen
und
wussten
von
nichts,
im
Alltag
jedoch
waren
die
verwandtschaftlichen
Beziehungen
kollektives
Wissen,
weitergegeben
auf
den
üblichen Wegen geflüsterter mündlicher Nachrichten.
Man
hatte
ihr
gesagt,
ein
Geschwisterchen
zu
bekommen,
wäre
etwas
Schönes,
aber
Jennifer
sah
keinen
Grund,
sich
über
Julian
zu
freuen.
Eifersüchtig
registrierte
sie,
dass
er
von
Anfang
an
zu
viel
von
dem
bekam,
was
ihr
immer
gefehlt
hatte:
Aufmerksamkeit,
weil
er
lautstark
darum
kämpfte,
aber
auch
Zuneigung,
weil
er
zwar
unfreiwillig
empfangen,
aber
wenigstens
nicht
für
eine
lebenszerstörende
Enttäuschung
verantwortlich
gemacht
wurde.
Man
durfte
ihn
nicht
einmal
hauen,
wenn
er
einem
das
kostbare
Spielzeug
zerbrach,
obwohl
man
selbst
geschlagen
wurde,
wenn man etwas fallen ließ.
Früh
reifte
bei
Jennifer
der
Verdacht,
dass
ihr
Bruder
ihre
Lage
besser
erkannte
als
sie
selbst,
und
sich
das
zu
Nutze
machte,
um
sie
immer
wieder
ins
Unrecht
zu
setzen.
Manchmal
hätte
sie
ihn
wirklich
umbringen
können.
Dass
sie
so
etwas
auch
nur
denken
konnte,
erschreckte
sie
zutiefst.
Sie
war
bereits
zu
nachdenklich,
um
arglos
böse sein zu können. Das machte sie ihm gegenüber noch hilfloser.
Jennifer
litt
an
sich
selbst,
nicht
nur
als
ewiger
Zerstörerin
des
Lebensglücks
ihrer
Mutter,
sondern
auch,
weil
es
ihr
nicht
gelingen
wollte,
einen
zu
finden,
zu
dem
sie
gehörte.
Bevor
sie
begriff,
dass
der
Schlüssel
zu
ihrer
Existenz
in
der
fernen
Stadt
verloren
gegangen
war,
hatte
sie
sich
zaghaft
immer
wieder
zu
dem
einen
oder
anderen
Mann
im
Dorf
gestellt,
in
der
Hoffnung,
durch
einen
Seitenblick
erkannt
zu
werden,
durch
eine
ausgestreckte
Hand
angenommen
zu
werden.
Doch
der
Blick
kam
nie
und
die
Hand
blieb
aus,
während
das
Kind
sich
öfter
und
öfter
im
Spiegel
beäugte
und dabei feststellte, dass sie seltsam aussah und keinem ähnelte, den sie kannte.
Sie
war
dunkelhäutig,
dunkelhaarig
und
dunkeläugig.
Nun
hatten
viele
ihrer
Landsleute
schwarze
Haare,
aber
die
bildeten
oft
mit
einer
typischen
hellen
Haut
und
leuchtend
grünen
Augen
einen
fast
magischen
Kontrast.
Ihre
Mutter
und
Julian
gehörten
zu
diesen
Glücklichen.
Jennifer
dagegen
sah
aus,
als
hätte
man
sie
durch
den
moorigen
Boden
ihrer
Heimat
gezogen
und
anschließend
vergessen,
den
Schmutz
herunter
zu
waschen.
An
ihrem
ersten
Schultag
krähte
ein
anderes
kleines
Mädchen,
dass
doch
jeder
wüsste,
dass
ihr
Vater
ein
Schwarzer
wäre.
Jennifer
hatte
keine
Ahnung,
was
ein
Schwarzer
sein
sollte.
Arglos
fragte
sie
zu
Hause
danach.
Dafür
erhielt
sie
eine
Ohrfeige
und
es
wurde
ihr
verboten,
das
Wort
jemals
wieder
in
den
Mund zu nehmen.
Sie
war
immer
schon
zu
groß
gewesen.
Bereits
bei
ihrer
Geburt
zeichnete
sich
ab,
dass
es
zwischen
der
schmal
gebauten
Mutter
und
dem
Riesenpfropfen,
den
sie
unter
Schreien
und
Verwünschungen
herauspresste,
kaum
Frieden
geben
könnte.
Sie
war
zu
groß,
als
sie
geboren
wurde,
und
dann
wuchs
sie
auch
noch
zu
schnell.
Ihre
Großmutter
erbettelte
mit
dem
Hinweis
auf
das
Missgeschick
ihrer
Tochter
abgelegte
Kleidungsstücke
von
den
Eltern
glücklicherer
Kinder,
aber
sie
wuchs
in
kürzester
Zeit
durch
alles
hindurch,
so
als
wolle
das
Kind
alles
Abgetragene
so
schnell
wie
möglich
hinter sich lassen.
Als
sie
eingeschult
wurde
und
zum
ersten
Mal
dem
Vergleich
mit
Gleichaltrigen
ausgesetzt
war,
hatte
sie
bereits
ein
großes,
etwas
zu
flaches
Gesicht,
in
dem
vor
allem
die
weit
auseinanderstehenden
Augen
auffielen.
Sie
war
nicht
ausgesprochen
hässlich,
nur
so
seltsam
anders,
dass
sie
manchem
kaum
menschlich
erschien.
Ihre
Lehrerin
verharrte
oft
nachdenklich
über
ihr,
während
das
Kind
sich
bemühte,
die
geforderten
Schafe,
die
blauen
Berge
und
das
grüne
Gras
zu
malen.
Die
Lehrerin
fragte
sich
dann,
ob
es
Mitleid
oder
Misstrauen
war,
welches
sie
veranlasste,
Jennifer
immer ein wenig anders zu behandeln als die anderen Kinder.
Die
blieb
davon
unberührt,
so
wie
es
sie
auch
nicht
zu
stören
schien,
dass
ihre
Mitschüler
zunächst
ausprobierten,
inwieweit
sie
sich
als
Opfer
eignete.
Die
Behandlung,
die
sie
in
der
Schule
erfuhr,
unterschied
sich
wenig
von
der,
die
sie
gewöhnt
war.
So
verstand
sie
auch
nicht,
dass
sie
vereinzelt
und
ausgesondert
werden
sollte.
Ihre
Zurückhaltung
und
ihre
körperliche
Größe
verschafften
ihr
bald
Ruhe,
wenn
nicht sogar ein bisschen Respekt.
Der
andere
Grund,
warum
die
Lehrerin
öfter
über
sie
nachdachte,
war
ihre
Art
zu
lernen.
Es
schien,
als
gäbe
es
für
sie
nur
die
Alternative:
sie
konnte
nichts
oder
sie
konnte
alles.
Dazwischen
gab
es
keinen
erkennbaren
Übergang.
Beharrlich
weigerte
sich
ihre
Hand
über
viele
Monate
hinweg
auch
nur
einen
erkennbaren
Buchstaben
zu
Papier
zu
bringen,
bis
sie
eines
Tages
unter
den
Augen
der
verblüfften
Lehrerin
ein
Blatt
in
einer
Schrift
füllte,
die
ihrem
Alter
weit
voraus
war.
Ebenso
war
es
mit
dem
Lesen.
Sie
buchstabierte
sich
mühsam
durch
ihr
erstes
Schuljahr,
während
andere
schon
sehr
nett
ganze
Worte
lesen
konnten.
Dann,
nach
den
ersten
großen
Ferien,
kam
sie
zurück,
las
fließend
auch
schwierige
Worte
und
hatte
ein
Verständnis
für
das
Gelesene
entwickelt,
dem
bald
auch
eine
überraschende
schriftliche
Ausdrucks-
fähigkeit folgte.