Kapitel 1
Auszug aus dem Protokoll der Sozialdienste Halifax:
Am
2.
Februar
1988
wurde
am
Ufer
des
Calder
unterhalb
der
Hollins
Mill
Lane
eine
junge
weibliche
Person,
offensichtlich
südasiatischer
Herkunft,
von
der
Polizei
aufgegriffen,
die
dort
von
verschiedenen
Zeugen
während
mehrerer
aufeinander
folgender
Tage
beobachtet
worden
war,
und
in
höchstem
Maße
gefährdet
erschien.
Beim
ersten
Kontakt
gab
sie
spontan
einen
Namen
an,
der
leider
nicht
festgehalten
wurde,
da
es
den
beiden
involvierten
Polizisten
wichtiger
erschien,
sie
ins
Warme
und
Trockene
zu
bringen
und
einem
Arzt
vorzuführen.
Seitdem
hat
sie
die
Angabe
ihres
Namens
konstant
verweigert
und
darauf
beharrt
Jenny
Mack
genannt
zu
werden.
Auch
antwortet
sie
nur
auf
English.
In
verschiedenen
Sprachen
angesprochen,
reagiert
sie
auf
keine.
Allerdings
ist
ihr
Englisch,
trotz
unbekannter
dialektaler
Färbung,
so
gut,
dass
eine
Verständigung
ohne weiteres möglich ist.
Gesundheitlicher Zustand
Die
oben
genannte
Person
ist
13-17
Jahre
alt.
Insgesamt
ist
ihr
gesundheitlicher
Zustand
befriedigend.
Sie
zeigt
gewisse
Folgen
von
länger
andauernder
Unterernährung
und
Zeichen
vorübergehender
extremer
Vernachlässigung,
scheint
aber
bis
vor
kurzem
in
relativ
geordneten
Verhältnissen
gelebt
zu
haben.
Zu
verschiedenen
verheilten
Verletzungen
insbesondere
im
Kopfbereich,
auf
dem
Rücken
und
auf
den
Armen
ist
sie
nicht
bereit,
Aussagen
zu
machen.
Wahrscheinlich
liegen
Misshandlungen
vor,
ob
im
familiären Bereich lässt sich nicht feststellen. Im Übrigen ist die Person Virgo intacta.
Bedenklicher
als
ihre
körperliche
Verfassung
war
am
Beginn
ihrer
Beobachtung
ihr
seelischer
Zustand.
Ganz
offensichtlich
lag
eine
schwere
Traumatisierung
vor,
die
zu
einer
nahezu
vollständigen
Abkapselung
führte,
die
weder
durch
Freundlichkeit
noch
durch
Strenge
zu
durchbrechen
war.
Medikamentengabe
stellte
die
Person
zwar
ruhig,
änderte
aber
nichts
daran,
dass
sie
zu
allen
Fragen
ihrer
Herkunft
und
des
Grundes
ihres
außergewöhnlichen Auftauchens beharrlich schwieg und auch heute noch schweigt.
Soziale/polizeiliche Aspekte
In
den
vier
Wochen
seit
Auffinden
der
Person
ist
niemand,
auf
den
ihre
Beschreibung
zutreffen
könnte,
als
vermisst
gemeldet
worden,
was
überraschend
ist.
Daraus
könnte
geschlossen
werden,
dass
sie
sich
illegal
im
Land
aufhält,
und
ihre
Familie
sich
nicht
durch
eine
Suchanzeige
gefährden
will.
In
den
verschiedenen
ethnischen
Gemeinschaften
der
Region
war
jedenfalls
nichts
über
eine
verschwundene
Person
bekannt.
Sollte
es
sich
um
illegale
Immigranten
handelt,
könnte
das
eine
Schutzbehauptung
sein,
die
aber
zurzeit
und
ohne
die
Kooperation
der
betreffenden
Person
nicht
zu
widerlegen
ist.
Dafür,
dass
die
Person
hier
geboren
wurde
und
wahrscheinlich
auch
zur
Schule
gegangen
ist,
spricht,
dass
sie
Englisch
so
gut
lesen
und
schreiben
kann,
wie
man
es
in
ihrem
Alter
erwartet,
und
über
Kenntnisse
verfügt,
die
darauf
hindeuten,
dass
sie
im
westlichen
Kulturkreis
erworben
wurden.
Allerdings
hat
auch die Nachfrage bei Schulen in der Region keine weiteren Erkenntnisse gebracht.
Es
wird
davon
ausgegangen,
dass
die
Person
bis
zu
dem
erwähnten
traumatischen
Ereignis
in
der
Region
gelebt
hat.
In
ihrem
psychischen
und
körperlichen
Zustand
ist
es
kaum
vorstellbar,
dass
sie
sich
aus
eigenem
Antrieb
weite
Strecken
zurückgelegt
hat.
Dennoch
wurden
auch
sämtliche
nationalen
Vermisstenanzeigen
der
letzten
zwei
Jahre
herangezogen,
da
eine
Entführung
mit
anschließender
Aussetzung
nicht
völlig
ausgeschlossen werden konnte. Auch diese Suche brachte kein Ergebnis.
Schlussfolgerung und Empfehlung
Alle
oben
angeführten
Fakten
lassen
uns
vermuten,
dass
Jenny
Mack
Angehörige
einer
ethnischen
Minderheit
ist
und
die
ihr
vertraute
Umgebung
nach
einem
traumatischen
Ereignis
verlassen
hat
oder
entführt
und
anschließend
ausgesetzt
wurde.
Ausgehend
von
allen
bisherigen
Erfahrungen
kann
nicht
ausgeschlossen
werden,
dass
es
sich
auch
in
diesem
Fall
um
eine
Flucht
vor
einer
Zwangsehe
handelt,
wie
sie
von
den
betreffenden
Ethnien
ja
leider
immer
noch
praktiziert
wird.
Der
möglicherweise
auf
die
Person
ausgeübte
Druck,
obwohl
nicht
von
aktueller
körperlicher
Gewalt
begleitet,
hat
offensichtlich
ausgereicht,
sie
zutiefst
zu
traumatisieren.
Zurzeit
muss
davon
ausgegangen
werden,
dass
sie
diese
Flucht
aus
eigenem
Willen
und
ohne
fremde
Unterstützung
-
möglicherweise
spontan
und
ungeplant
-
unternommen
hat.
Der
Verdacht,
dass
es
sich
bei
dem,
dessen
sie
sich
entzogen
hat,
um
eine
nicht
vom
Gesetz
abgedeckte
Maßnahme
handeln
könnte,
wird
dadurch
verstärkt,
dass
niemand
versucht
hat,
sie
zu
finden
und
sie
zurückzuholen.
Ihre
Jungfräulichkeit
lässt
darauf
schließen,
dass
sie
einerseits
wohlbehütet
aufgewachsen
ist,
andererseits
die
erzwungene
Ehe,
wenn
es sich denn darum handeln sollte, noch nicht vollzogen wurde.
Für
ein
von
der
besagten
Person
begangenes
Verbrechen
oder
Vergehen
haben
sich
keinerlei
Anzeichen
finden
lassen.
Bei
Jenny
Mack
handelte
es
sich
ganz
eindeutig
um
ein
Opfer,
nicht
um
eine
Täterin.
Es
gibt
daher
keine
Notwendigkeit
für
eine
Resozialisierung,
sondern
alle
beschlossenen
Maßnahmen
sollten
den
Charakter
des
Opferschutzes aufweisen.
Unsere
Empfehlung
ist
daher,
sie
vorläufig
in
ein
betreutes
Mädchenheim
einzuweisen
und
ihr
dort
zu
helfen,
zu
einem
normalen
altersgerechten
Lebenslauf
zurückzufinden.
Wir
empfehlen
auch,
da
dieses
ihrem
Wunsch
entspricht,
vorläufig
ihren
angenommenen
Namen
hinzunehmen.
Möglicherweise
stellt
dieses
Pseudonym
für
sie
einen
gewissen
Schutz
dar,
den
man
ihr
bei
ihrer
labilen
seelischen
Verfassung
nicht
nehmen
sollte.
Es
ist
auch
nicht
von
der
Hand
zu
weisen,
dass
immer
noch
eine
faktische
Bedrohung
durch
familiäre
oder
andere
Faktoren
vorliegt.
Da
sie
völlig
mittellos
ist,
werden
die
Kosten
von
der
Gemeinde
zu
tragen
sein.
Die
zuständigen
sozialen
Dienste
werden
aufgefordert,
der
unterzeichnenden
Stelle
mindestens
einmal
jährlich
einen
Bericht vorzulegen.
Jenny
wusste,
dass
alle
annahmen,
sie
hätte
sich
umbringen
wollen.
Das
war
Blödsinn.
Die
Calder
war
doch
viel
zu
seicht,
um
darin
zu
ertrinken.
Sie
hätte
es
ihnen
erklären
können,
aber
wozu?
Sie
glaubten
ihr
sowieso
nichts,
nicht
ihren
Namen,
und
schon
gar
nicht,
dass
sie
gar
kein
Paki
war.
Sie
hatten
nur
ihre
dunkle
Haut
wahrgenommen
und
die
Art,
wie
sie
gekleidet
war.
Stundenlang
hatten
sie
in
allen
möglichen
Sprachen
auf
sie
eingeredet.
Sie
hatte
kein
Wort
verstanden.
Ihr
war
es
egal. Ob sie hier saß oder da unten am Fluss, wo war der Unterschied?
Jetzt
würde
es
gleich
wieder
losgehen.
Sie
kamen
immer
um
diese
Zeit
und
dann
stellten
sie
ihr
Fragen.
Sie
versuchten
es
mit
immer
neuen
Formulierungen,
aber
im
Grunde
wollten
sie
immer
dasselbe.
Sie
hatte
keine
Lust
mehr
zu
antworten.
Am
Anfang
hatte
sie
versucht,
die
Wahrheit
zu
sagen,
wenn
auch
nicht
die
volle.
Das
war
eine
überflüssige
Anstrengung
gewesen,
denn
ihre
Wahrheit
war
nicht
zu
ihnen
durchgedrungen.
Nun
fand
sie,
dass
Schweigen
ebenso
leicht
war
wie
die
Augen
zu
schließen
und
sich
treiben
zu
lassen.
Sie
durfte
nur
nicht
einschlafen!
Mit
dem
Schlafen
kamen
die
Träume.
In
ihnen
kam
sie
nie
an,
der
Weg
wurde
steiler
und
steiler,
sie
rutschte
ab
und
fand
keinen
Halt
bis
endlich
das
kalte
Wasser
über
ihr
zusammenschlug. Ganz still, sie schrie niemals, versank sie.
Sie
hatten
ihr
Spritzen
gegeben.
Es
war
ihr
warm
und
leicht
geworden,
aber
sie
hatte
sich
auch
verloren.
Die
Zeit
hatte
merkwürdige
Sprünge
gemacht,
hatte
ganze
Tage
einfach
übersprungen
und
war
dann
stehen
geblieben.
Es
war
wie
ein
kleiner
Vorgeschmack
auf
die
Ewigkeit.
Sie
hatten
wohl
gehofft,
es
würde
sie
erweichen,
aber
sie
war
gleich
so
weich
geworden,
dass
schon
nichts
mehr
von
ihr
übrig
blieb,
und
so
hatten sie auch so nicht mehr aus ihr heraus bekommen.
Alles
war
einfach,
wenn
man
aufgehört
hatte
zu
existieren,
nichts
mehr
besaß
und
auf
nichts
mehr
wartete.
Sie
hatte
alles
verloren
und
es
fühlte
sich
an
wie
ein
leichter
Tod.
Sie
hatte
noch
nicht
einmal
mehr
Angst.
Am
Anfang
war
sie
von
Panik
getrieben
umher
gehetzt.
Da
hatte
sie
noch
gedacht,
sie
müsste
etwas
tun,
müsste
sich
wehren,
müsste
um
jeden
Preis
weiterleben.
Dann
hatte
sie
ihre
Augen
zum
Himmel
erhoben
und
gesehen,
wie
er
auf
sie
herabstürzte.
Der
Himmel
da
oben,
sie
hier
unten.
Sie
hatten zusammengehört wie Liebende.
Sie
erkannte
die
Schritte
im
Flur
schon
von
weitem.
Ihr
Gehör
war
überscharf
geworden.
Sie
würde
sich
nicht
verstecken.
Das
tat
sie
nie,
sie
verschwand
nur
in
sich
selbst und keiner fand sie dort.
„Jenny Mack!“
Das
war
sie!
Sie
freute
sich
über
ihren
neuen,
alten
Namen
wie
über
das
Auftauchen einer lange verschollenen Freundin.
Die
zu
ihr
sprach,
trug
ein
dunkelgraues
Kostüm
und
eine
weiße
Bluse.
Sie
hatte
einen
Fleck
auf
der
Bluse,
knapp
unter
dem
obersten
Knopf.
Wie
war
der
dahin
gekommen und aus was bestand er?
‚Soße’ dachte sie. ‚Zum Lunch hat es Soße gegeben.‘
„Und wie geht es dir heute?“ fragte die Frau.
Sie
nannte
sie
nur
die
Frau.
Es
gab
noch
eine
zweite,
die
manchmal
mitkam.
Die
nannte
sie
die
andere
Frau.
Auch
ein
Mann
fragte
sie
manchmal
aus,
der
Polizist,
obwohl
er
keiner
von
denen
war,
die
sie
eingefangen
hatten.
Er
trug
auch
keine
Uniform,
sondern
immer
nur
einen
ausgebeulten
grauen
Anzug.
Und
natürlich
die
Ärzte.
Man
sagte
„Doktor“,
und
die
Schwestern
waren
„Schwester“.
Das
war
einfach.
Man konnte es sich merken. Was hatte die Frau gefragt?
„Jenny?“
Jenny
lächelte.
Die
Frau
war
freundlich,
auch
wenn
sie
nichts
verstand.
Die
andere
Frau
verlor
oft
die
Geduld
und
schrie
sie
an,
was
sie
nur
komisch
fand.
Die
andere
Frau
lief aufgeregt hin und her, während diese Frau ruhig dasaß und nur ihre Hände knetete.
„Ich
bin
gekommen,
um
dir
zu
sagen,
dass
du
die
Klinik
morgen
verlassen
kannst.
Das
freut
dich,
nicht
wahr?
Du
bist
nicht
wirklich
krank.
Du
hattest
nur
einen
bösen
Schock
und
brauchst
Zeit
und
Ruhe,
um
dich
davon
zu
erholen.
Weißt
du
schon,
wohin
du gehen willst? Und was du machen willst?“
Die Frau wartete geduldig. Das hatte man ihr so beigebracht.
‚Soll
das
eine
Falle
sein?
Wohin
ich
will?
’
Jenny
antwortete
nicht,
denn
darauf
gab
es keine Antwort.
„Ja,
das
habe
ich
mir
schon
gedacht.“
meinte
die
Frau
schließlich,
als
die
Stille
lange
genug
gedauert
hatte.
„Also
will
ich
dir
jetzt
einen
Vorschlag
machen.
Was
hältst
du
davon,
zunächst
einmal
in
ein
Mädchenheim
zu
ziehen?
Du
würdest
dort
unter
Mädchen
deines
Alters
leben
und
auch
zur
Schule
gehen.
Wir
wollen
doch
sehen,
was
du
gelernt
hast,
und
ob
du
nicht
noch
etwas
dazulernen
kannst,
nicht
wahr?
In
dem
Haus
geht
es
fröhlich
zu
und
die
Betreuerinnen
sind
alle
sehr
nett.
Du
wirst
dich
dort
wohl
fühlen.
Und
eines
Tages
wird
es
dir
dann
so
gut
gehen,
dass
du
uns
sagen
kannst,
wo
wir
deine
Familie
finden
können,
und
du
dich
selbst
entscheiden
kannst,
ob
du zu ihnen zurückkehren willst. Hältst du das nicht für eine gute Idee?“
Jenny
hatte
keine
Vorstellung,
wovon
die
Frau
sprach.
Aber
weil
die
Frau
sich
so
freute,
und
diese
Freude
offensichtlich
teilen
wollte,
gab
Jenny
zu,
dass
es
eine
gute
Idee
wäre,
und
war
froh,
als
sich
die
Frau
verabschiedete,
und
sie
sich
wieder
in
sich
zurückziehen konnte.
Am
nächsten
Morgen
nach
dem
Frühstück
brachte
man
ihr
die
Kleidungsstücke,
in
denen man sie gefunden hatte.
„Alles
gewaschen
und
gebügelt!“
verkündete
strahlend
die
Krankenschwester.
„Du
gehst
ja
heute.
Da
bist
du
sicher
froh,
dass
du
wieder
deine
eigenen
Sachen
anziehen
kannst?
Da
fühlt
man
sich
doch
gleich
wohler,
nicht
wahr?
Also
zieh
sie
schnell
an
und
halte dich bereit! Du wirst in der nächsten halben Stunde abgeholt.“