© Renate Dietrich
Renate Dietrich
Glück wohnt in Halifax 2 - Unterwegs Leseprobe

Kapitel 1

Auszug aus dem Protokoll der Sozialdienste Halifax: Am 2. Februar 1988 wurde am Ufer des Calder unterhalb der Hollins Mill Lane eine junge weibliche Person, offensichtlich südasiatischer Herkunft, von der Polizei aufgegriffen, die dort von verschiedenen Zeugen während mehrerer aufeinander folgender Tage beobachtet worden war, und in höchstem Maße gefährdet erschien. Beim ersten Kontakt gab sie spontan einen Namen an, der leider nicht festgehalten wurde, da es den beiden involvierten Polizisten wichtiger erschien, sie ins Warme und Trockene zu bringen und einem Arzt vorzuführen. Seitdem hat sie die Angabe ihres Namens konstant verweigert und darauf beharrt Jenny Mack genannt zu werden. Auch antwortet sie nur auf English. In verschiedenen Sprachen angesprochen, reagiert sie auf keine. Allerdings ist ihr Englisch, trotz unbekannter dialektaler Färbung, so gut, dass eine Verständigung ohne weiteres möglich ist. Gesundheitlicher Zustand Die oben genannte Person ist 13-17 Jahre alt. Insgesamt ist ihr gesundheitlicher Zustand befriedigend. Sie zeigt gewisse Folgen von länger andauernder Unterernährung und Zeichen vorübergehender extremer Vernachlässigung, scheint aber bis vor kurzem in relativ geordneten Verhältnissen gelebt zu haben. Zu verschiedenen verheilten Verletzungen insbesondere im Kopfbereich, auf dem Rücken und auf den Armen ist sie nicht bereit, Aussagen zu machen. Wahrscheinlich liegen Misshandlungen vor, ob im familiären Bereich lässt sich nicht feststellen. Im Übrigen ist die Person Virgo intacta. Bedenklicher als ihre körperliche Verfassung war am Beginn ihrer Beobachtung ihr seelischer Zustand. Ganz offensichtlich lag eine schwere Traumatisierung vor, die zu einer nahezu vollständigen Abkapselung führte, die weder durch Freundlichkeit noch durch Strenge zu durchbrechen war. Medikamentengabe stellte die Person zwar ruhig, änderte aber nichts daran, dass sie zu allen Fragen ihrer Herkunft und des Grundes ihres außergewöhnlichen Auftauchens beharrlich schwieg und auch heute noch schweigt. Soziale/polizeiliche Aspekte In den vier Wochen seit Auffinden der Person ist niemand, auf den ihre Beschreibung zutreffen könnte, als vermisst gemeldet worden, was überraschend ist. Daraus könnte geschlossen werden, dass sie sich illegal im Land aufhält, und ihre Familie sich nicht durch eine Suchanzeige gefährden will. In den verschiedenen ethnischen Gemeinschaften der Region war jedenfalls nichts über eine verschwundene Person bekannt. Sollte es sich um illegale Immigranten handelt, könnte das eine Schutzbehauptung sein, die aber zurzeit und ohne die Kooperation der betreffenden Person nicht zu widerlegen ist. Dafür, dass die Person hier geboren wurde und wahrscheinlich auch zur Schule gegangen ist, spricht, dass sie Englisch so gut lesen und schreiben kann, wie man es in ihrem Alter erwartet, und über Kenntnisse verfügt, die darauf hindeuten, dass sie im westlichen Kulturkreis erworben wurden. Allerdings hat auch die Nachfrage bei Schulen in der Region keine weiteren Erkenntnisse gebracht. Es wird davon ausgegangen, dass die Person bis zu dem erwähnten traumatischen Ereignis in der Region gelebt hat. In ihrem psychischen und körperlichen Zustand ist es kaum vorstellbar, dass sie sich aus eigenem Antrieb weite Strecken zurückgelegt hat. Dennoch wurden auch sämtliche nationalen Vermisstenanzeigen der letzten zwei Jahre herangezogen, da eine Entführung mit anschließender Aussetzung nicht völlig ausgeschlossen werden konnte. Auch diese Suche brachte kein Ergebnis. Schlussfolgerung und Empfehlung Alle oben angeführten Fakten lassen uns vermuten, dass Jenny Mack Angehörige einer ethnischen Minderheit ist und die ihr vertraute Umgebung nach einem traumatischen Ereignis verlassen hat oder entführt und anschließend ausgesetzt wurde. Ausgehend von allen bisherigen Erfahrungen kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich auch in diesem Fall um eine Flucht vor einer Zwangsehe handelt, wie sie von den betreffenden Ethnien ja leider immer noch praktiziert wird. Der möglicherweise auf die Person ausgeübte Druck, obwohl nicht von aktueller körperlicher Gewalt begleitet, hat offensichtlich ausgereicht, sie zutiefst zu traumatisieren. Zurzeit muss davon ausgegangen werden, dass sie diese Flucht aus eigenem Willen und ohne fremde Unterstützung - möglicherweise spontan und ungeplant - unternommen hat. Der Verdacht, dass es sich bei dem, dessen sie sich entzogen hat, um eine nicht vom Gesetz abgedeckte Maßnahme handeln könnte, wird dadurch verstärkt, dass niemand versucht hat, sie zu finden und sie zurückzuholen. Ihre Jungfräulichkeit lässt darauf schließen, dass sie einerseits wohlbehütet aufgewachsen ist, andererseits die erzwungene Ehe, wenn es sich denn darum handeln sollte, noch nicht vollzogen wurde. Für ein von der besagten Person begangenes Verbrechen oder Vergehen haben sich keinerlei Anzeichen finden lassen. Bei Jenny Mack handelte es sich ganz eindeutig um ein Opfer, nicht um eine Täterin. Es gibt daher keine Notwendigkeit für eine Resozialisierung, sondern alle beschlossenen Maßnahmen sollten den Charakter des Opferschutzes aufweisen. Unsere Empfehlung ist daher, sie vorläufig in ein betreutes Mädchenheim einzuweisen und ihr dort zu helfen, zu einem normalen altersgerechten Lebenslauf zurückzufinden. Wir empfehlen auch, da dieses ihrem Wunsch entspricht, vorläufig ihren angenommenen Namen hinzunehmen. Möglicherweise stellt dieses Pseudonym für sie einen gewissen Schutz dar, den man ihr bei ihrer labilen seelischen Verfassung nicht nehmen sollte. Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass immer noch eine faktische Bedrohung durch familiäre oder andere Faktoren vorliegt. Da sie völlig mittellos ist, werden die Kosten von der Gemeinde zu tragen sein. Die zuständigen sozialen Dienste werden aufgefordert, der unterzeichnenden Stelle mindestens einmal jährlich einen Bericht vorzulegen. Jenny wusste, dass alle annahmen, sie hätte sich umbringen wollen. Das war Blödsinn. Die Calder war doch viel zu seicht, um darin zu ertrinken. Sie hätte es ihnen erklären können, aber wozu? Sie glaubten ihr sowieso nichts, nicht ihren Namen, und schon gar nicht, dass sie gar kein Paki war. Sie hatten nur ihre dunkle Haut wahrgenommen und die Art, wie sie gekleidet war. Stundenlang hatten sie in allen möglichen Sprachen auf sie eingeredet. Sie hatte kein Wort verstanden. Ihr war es egal. Ob sie hier saß oder da unten am Fluss, wo war der Unterschied? Jetzt würde es gleich wieder losgehen. Sie kamen immer um diese Zeit und dann stellten sie ihr Fragen. Sie versuchten es mit immer neuen Formulierungen, aber im Grunde wollten sie immer dasselbe. Sie hatte keine Lust mehr zu antworten. Am Anfang hatte sie versucht, die Wahrheit zu sagen, wenn auch nicht die volle. Das war eine überflüssige Anstrengung gewesen, denn ihre Wahrheit war nicht zu ihnen durchgedrungen. Nun fand sie, dass Schweigen ebenso leicht war wie die Augen zu schließen und sich treiben zu lassen. Sie durfte nur nicht einschlafen! Mit dem Schlafen kamen die Träume. In ihnen kam sie nie an, der Weg wurde steiler und steiler, sie rutschte ab und fand keinen Halt bis endlich das kalte Wasser über ihr zusammenschlug. Ganz still, sie schrie niemals, versank sie. Sie hatten ihr Spritzen gegeben. Es war ihr warm und leicht geworden, aber sie hatte sich auch verloren. Die Zeit hatte merkwürdige Sprünge gemacht, hatte ganze Tage einfach übersprungen und war dann stehen geblieben. Es war wie ein kleiner Vorgeschmack auf die Ewigkeit. Sie hatten wohl gehofft, es würde sie erweichen, aber sie war gleich so weich geworden, dass schon nichts mehr von ihr übrig blieb, und so hatten sie auch so nicht mehr aus ihr heraus bekommen. Alles war einfach, wenn man aufgehört hatte zu existieren, nichts mehr besaß und auf nichts mehr wartete. Sie hatte alles verloren und es fühlte sich an wie ein leichter Tod. Sie hatte noch nicht einmal mehr Angst. Am Anfang war sie von Panik getrieben umher gehetzt. Da hatte sie noch gedacht, sie müsste etwas tun, müsste sich wehren, müsste um jeden Preis weiterleben. Dann hatte sie ihre Augen zum Himmel erhoben und gesehen, wie er auf sie herabstürzte. Der Himmel da oben, sie hier unten. Sie hatten zusammengehört wie Liebende. Sie erkannte die Schritte im Flur schon von weitem. Ihr Gehör war überscharf geworden. Sie würde sich nicht verstecken. Das tat sie nie, sie verschwand nur in sich selbst und keiner fand sie dort. „Jenny Mack!“ Das war sie! Sie freute sich über ihren neuen, alten Namen wie über das Auftauchen einer lange verschollenen Freundin. Die zu ihr sprach, trug ein dunkelgraues Kostüm und eine weiße Bluse. Sie hatte einen Fleck auf der Bluse, knapp unter dem obersten Knopf. Wie war der dahin gekommen und aus was bestand er? ‚Soße’ dachte sie. ‚Zum Lunch hat es Soße gegeben.‘ „Und wie geht es dir heute?“ fragte die Frau. Sie nannte sie nur die Frau. Es gab noch eine zweite, die manchmal mitkam. Die nannte sie die andere Frau. Auch ein Mann fragte sie manchmal aus, der Polizist, obwohl er keiner von denen war, die sie eingefangen hatten. Er trug auch keine Uniform, sondern immer nur einen ausgebeulten grauen Anzug. Und natürlich die Ärzte. Man sagte „Doktor“, und die Schwestern waren „Schwester“. Das war einfach. Man konnte es sich merken. Was hatte die Frau gefragt? „Jenny?“ Jenny lächelte. Die Frau war freundlich, auch wenn sie nichts verstand. Die andere Frau verlor oft die Geduld und schrie sie an, was sie nur komisch fand. Die andere Frau lief aufgeregt hin und her, während diese Frau ruhig dasaß und nur ihre Hände knetete. „Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass du die Klinik morgen verlassen kannst. Das freut dich, nicht wahr? Du bist nicht wirklich krank. Du hattest nur einen bösen Schock und brauchst Zeit und Ruhe, um dich davon zu erholen. Weißt du schon, wohin du gehen willst? Und was du machen willst?“ Die Frau wartete geduldig. Das hatte man ihr so beigebracht. ‚Soll das eine Falle sein? Wohin ich will? Jenny antwortete nicht, denn darauf gab es keine Antwort. „Ja, das habe ich mir schon gedacht.“ meinte die Frau schließlich, als die Stille lange genug gedauert hatte. „Also will ich dir jetzt einen Vorschlag machen. Was hältst du davon, zunächst einmal in ein Mädchenheim zu ziehen? Du würdest dort unter Mädchen deines Alters leben und auch zur Schule gehen. Wir wollen doch sehen, was du gelernt hast, und ob du nicht noch etwas dazulernen kannst, nicht wahr? In dem Haus geht es fröhlich zu und die Betreuerinnen sind alle sehr nett. Du wirst dich dort wohl fühlen. Und eines Tages wird es dir dann so gut gehen, dass du uns sagen kannst, wo wir deine Familie finden können, und du dich selbst entscheiden kannst, ob du zu ihnen zurückkehren willst. Hältst du das nicht für eine gute Idee?“ Jenny hatte keine Vorstellung, wovon die Frau sprach. Aber weil die Frau sich so freute, und diese Freude offensichtlich teilen wollte, gab Jenny zu, dass es eine gute Idee wäre, und war froh, als sich die Frau verabschiedete, und sie sich wieder in sich zurückziehen konnte. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück brachte man ihr die Kleidungsstücke, in denen man sie gefunden hatte. „Alles gewaschen und gebügelt!“ verkündete strahlend die Krankenschwester. „Du gehst ja heute. Da bist du sicher froh, dass du wieder deine eigenen Sachen anziehen kannst? Da fühlt man sich doch gleich wohler, nicht wahr? Also zieh sie schnell an und halte dich bereit! Du wirst in der nächsten halben Stunde abgeholt.“
Renate Dietrich
© Renate Dietrich
Glück wohnt in Halifax 2 - Unterwegs Leseprobe

Kapitel 1

Auszug aus dem Protokoll der Sozialdienste Halifax: Am 2. Februar 1988 wurde am Ufer des Calder unterhalb der Hollins Mill Lane eine junge weibliche Person, offensichtlich südasiatischer Herkunft, von der Polizei aufgegriffen, die dort von verschiedenen Zeugen während mehrerer aufeinander folgender Tage beobachtet worden war, und in höchstem Maße gefährdet erschien. Beim ersten Kontakt gab sie spontan einen Namen an, der leider nicht fest- gehalten wurde, da es den beiden involvierten Polizisten wichtiger erschien, sie ins Warme und Trockene zu bringen und einem Arzt vorzuführen. Seitdem hat sie die Angabe ihres Namens konstant verweigert und darauf beharrt Jenny Mack genannt zu werden. Auch antwortet sie nur auf English. In verschiedenen Sprachen angesprochen, reagiert sie auf keine. Allerdings ist ihr Englisch, trotz unbekannter dialektaler Färbung, so gut, dass eine Verständigung ohne weiteres möglich ist. Gesundheitlicher Zustand Die oben genannte Person ist 13-17 Jahre alt. Insgesamt ist ihr gesundheitlicher Zustand befriedi- gend. Sie zeigt gewisse Folgen von länger andauern- der Unterernährung und Zeichen vorübergehender extremer Vernachlässigung, scheint aber bis vor kurzem in relativ geordneten Verhältnissen gelebt zu haben. Zu verschiedenen verheilten Verletzungen insbesondere im Kopfbereich, auf dem Rücken und auf den Armen ist sie nicht bereit, Aussagen zu machen. Wahrscheinlich liegen Misshandlungen vor, ob im familiären Bereich lässt sich nicht feststellen. Im Übrigen ist die Person Virgo intacta. Bedenklicher als ihre körperliche Verfassung war am Beginn ihrer Beobachtung ihr seelischer Zu- stand. Ganz offensichtlich lag eine schwere Trauma- tisierung vor, die zu einer nahezu vollständigen Ab- kapselung führte, die weder durch Freundlichkeit noch durch Strenge zu durchbrechen war. Medika- mentengabe stellte die Person zwar ruhig, änderte aber nichts daran, dass sie zu allen Fragen ihrer Herkunft und des Grundes ihres außergewöhnlichen Auftauchens beharrlich schwieg und auch heute noch schweigt. Soziale / polizeiliche Aspekte I n den vier Wochen seit Auffinden der Person ist niemand, auf den ihre Beschreibung zutreffen könnte, als vermisst gemeldet worden, was über- raschend ist. Daraus könnte geschlossen werden, dass sie sich illegal im Land aufhält, und ihre Familie sich nicht durch eine Suchanzeige gefährden will. In den verschiedenen ethnischen Gemein- schaften der Region war jedenfalls nichts über eine verschwundene Person bekannt. Sollte es sich um illegale Immigranten handelt, könnte das eine Schutzbehauptung sein, die aber zurzeit und ohne die Kooperation der betreffenden Person nicht zu widerlegen ist. Dafür, dass die Person hier geboren wurde und wahrscheinlich auch zur Schule gegangen ist, spricht, dass sie Englisch so gut lesen und schreiben kann, wie man es in ihrem Alter erwartet, und über Kenntnisse verfügt, die darauf hindeuten, dass sie im westlichen Kulturkreis erworben wurden. Allerdings hat auch die Nachfrage bei Schulen in der Region keine weiteren Erkenntnisse gebracht. Es wird davon ausgegangen, dass die Person bis zu dem erwähnten traumatischen Ereignis in der Region gelebt hat. In ihrem psychischen und körper- lichen Zustand ist es kaum vorstellbar, dass sie sich aus eigenem Antrieb weite Strecken zurückgelegt hat. Dennoch wurden auch sämtliche nationalen Vermisstenanzeigen der letzten zwei Jahre herange- zogen, da eine Entführung mit anschließender Aussetzung nicht völlig ausgeschlossen werden konnte. Auch diese Suche brachte kein Ergebnis. Schlussfolgerung und Empfehlung Alle oben angeführten Fakten lassen uns vermu- ten, dass Jenny Mack Angehörige einer ethnischen Minderheit ist und die ihr vertraute Umgebung nach einem traumatischen Ereignis verlassen hat oder entführt und anschließend ausgesetzt wurde. Aus- gehend von allen bisherigen Erfahrungen kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich auch in diesem Fall um eine Flucht vor einer Zwangsehe handelt, wie sie von den betreffenden Ethnien ja leider immer noch praktiziert wird. Der möglicherweise auf die Person ausgeübte Druck, obwohl nicht von aktueller körperlicher Gewalt begleitet, hat offensichtlich ausgereicht, sie zutiefst zu traumatisieren. Zurzeit muss davon ausgegangen werden, dass sie diese Flucht aus eigenem Willen und ohne fremde Unterstützung - möglicherweise spontan und unge- plant - unternommen hat. Der Verdacht, dass es sich bei dem, dessen sie sich entzogen hat, um eine nicht vom Gesetz abgedeckte Maßnahme handeln könnte, wird dadurch verstärkt, dass niemand versucht hat, sie zu finden und sie zurückzuholen. Ihre Jung- fräulichkeit lässt darauf schließen, dass sie einerseits wohlbehütet aufgewachsen ist, andererseits die erzwungene Ehe, wenn es sich denn darum handeln sollte, noch nicht vollzogen wurde. Für ein von der besagten Person begangenes Verbrechen oder Vergehen haben sich keinerlei Anzeichen finden lassen. Bei Jenny Mack handelte es sich ganz eindeutig um ein Opfer, nicht um eine Täterin. Es gibt daher keine Notwendigkeit für eine Resozialisierung, sondern alle beschlossenen Maß- nahmen sollten den Charakter des Opferschutzes aufweisen. Unsere Empfehlung ist daher, sie vorläufig in ein betreutes Mädchenheim einzuweisen und ihr dort zu helfen, zu einem normalen altersgerechten Lebens- lauf zurückzufinden. Wir empfehlen auch, da dieses ihrem Wunsch entspricht, vorläufig ihren ange- nommenen Namen hinzunehmen. Möglicherweise stellt dieses Pseudonym für sie einen gewissen Schutz dar, den man ihr bei ihrer labilen seelischen Verfassung nicht nehmen sollte. Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass immer noch eine faktische Bedrohung durch familiäre oder andere Faktoren vorliegt. Da sie völlig mittellos ist, werden die Kosten von der Gemeinde zu tragen sein. Die zuständigen sozialen Dienste werden aufgefordert, der unterzeichnenden Stelle mindestens einmal jährlich einen Bericht vorzulegen. Jenny wusste, dass alle annahmen, sie hätte sich umbringen wollen. Das war Blödsinn. Die Calder war doch viel zu seicht, um darin zu ertrinken. Sie hätte es ihnen erklären können, aber wozu? Sie glaubten ihr sowieso nichts, nicht ihren Namen, und schon gar nicht, dass sie gar kein Paki war. Sie hatten nur ihre dunkle Haut wahrgenommen und die Art, wie sie gekleidet war. Stundenlang hatten sie in allen möglichen Sprachen auf sie eingeredet. Sie hatte kein Wort verstanden. Ihr war es egal. Ob sie hier saß oder da unten am Fluss, wo war der Unterschied? Jetzt würde es gleich wieder losgehen. Sie kamen immer um diese Zeit und dann stellten sie ihr Fragen. Sie versuchten es mit immer neuen Formulierungen, aber im Grunde wollten sie immer dasselbe. Sie hatte keine Lust mehr zu antworten. Am Anfang hatte sie versucht, die Wahrheit zu sagen, wenn auch nicht die volle. Das war eine überflüssige Anstrengung gewesen, denn ihre Wahrheit war nicht zu ihnen durchgedrungen. Nun fand sie, dass Schweigen ebenso leicht war wie die Augen zu schließen und sich treiben zu lassen. Sie durfte nur nicht einschlafen! Mit dem Schlafen kamen die Träume. In ihnen kam sie nie an, der Weg wurde steiler und steiler, sie rutschte ab und fand keinen Halt bis endlich das kalte Wasser über ihr zusammenschlug. Ganz still, sie schrie niemals, versank sie. Sie hatten ihr Spritzen gegeben. Es war ihr warm und leicht geworden, aber sie hatte sich auch verloren. Die Zeit hatte merkwürdige Sprünge gemacht, hatte ganze Tage einfach übersprungen und war dann stehen geblieben. Es war wie ein kleiner Vorgeschmack auf die Ewigkeit. Sie hatten wohl gehofft, es würde sie erweichen, aber sie war gleich so weich geworden, dass schon nichts mehr von ihr übrig blieb, und so hatten sie auch so nicht mehr aus ihr heraus bekommen. Alles war einfach, wenn man aufgehört hatte zu existieren, nichts mehr besaß und auf nichts mehr wartete. Sie hatte alles verloren und es fühlte sich an wie ein leichter Tod. Sie hatte noch nicht einmal mehr Angst. Am Anfang war sie von Panik getrieben umher gehetzt. Da hatte sie noch gedacht, sie müsste etwas tun, müsste sich wehren, müsste um jeden Preis weiterleben. Dann hatte sie ihre Augen zum Himmel erhoben und gesehen, wie er auf sie herabstürzte. Der Himmel da oben, sie hier unten. Sie hatten zusammengehört wie Liebende. Sie erkannte die Schritte im Flur schon von weitem. Ihr Gehör war überscharf geworden. Sie würde sich nicht verstecken. Das tat sie nie, sie verschwand nur in sich selbst und keiner fand sie dort. „Jenny Mack!“ Das war sie! Sie freute sich über ihren neuen, alten Namen wie über das Auftauchen einer lange ver- schollenen Freundin. Die zu ihr sprach, trug ein dunkelgraues Kostüm und eine weiße Bluse. Sie hatte einen Fleck auf der Bluse, knapp unter dem obersten Knopf. Wie war der dahin gekommen und aus was bestand er? ‚Soße’ dachte sie. ‚Zum Lunch hat es Soße gegeben.‘ „Und wie geht es dir heute?“ fragte die Frau. Sie nannte sie nur die Frau. Es gab noch eine zweite, die manchmal mitkam. Die nannte sie die andere Frau. Auch ein Mann fragte sie manchmal aus, der Polizist, obwohl er keiner von denen war, die sie eingefangen hatten. Er trug auch keine Uniform, sondern immer nur einen ausgebeulten grauen Anzug. Und natürlich die Ärzte. Man sagte „Doktor“, und die Schwestern waren „Schwester“. Das war einfach. Man konnte es sich merken. Was hatte die Frau gefragt? „Jenny?“ Jenny lächelte. Die Frau war freundlich, auch wenn sie nichts verstand. Die andere Frau verlor oft die Geduld und schrie sie an, was sie nur komisch fand. Die andere Frau lief aufgeregt hin und her, während diese Frau ruhig dasaß und nur ihre Hände knetete. „Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass du die Klinik morgen verlassen kannst. Das freut dich, nicht wahr? Du bist nicht wirklich krank. Du hattest nur einen bösen Schock und brauchst Zeit und Ruhe, um dich davon zu erholen. Weißt du schon, wohin du gehen willst? Und was du machen willst?“ Die Frau wartete geduldig. Das hatte man ihr so beigebracht. ‚Soll das eine Falle sein? Wohin ich will? Jenny antwortete nicht, denn darauf gab es keine Antwort. „Ja, das habe ich mir schon gedacht.“ meinte die Frau schließlich, als die Stille lange genug gedauert hatte. „Also will ich dir jetzt einen Vorschlag machen. Was hältst du davon, zunächst einmal in ein Mädchenheim zu ziehen? Du würdest dort unter Mädchen deines Alters leben und auch zur Schule gehen. Wir wollen doch sehen, was du gelernt hast, und ob du nicht noch etwas dazulernen kannst, nicht wahr? In dem Haus geht es fröhlich zu und die Betreuerinnen sind alle sehr nett. Du wirst dich dort wohl fühlen. Und eines Tages wird es dir dann so gut gehen, dass du uns sagen kannst, wo wir deine Familie finden können, und du dich selbst entscheiden kannst, ob du zu ihnen zurückkehren willst. Hältst du das nicht für eine gute Idee?“ Jenny hatte keine Vorstellung, wovon die Frau sprach. Aber weil die Frau sich so freute, und diese Freude offensichtlich teilen wollte, gab Jenny zu, dass es eine gute Idee wäre, und war froh, als sich die Frau verabschiedete, und sie sich wieder in sich zurück- ziehen konnte. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück brachte man ihr die Kleidungsstücke, in denen man sie ge- funden hatte. „Alles gewaschen und gebügelt!“ verkündete strahlend die Krankenschwester. „Du gehst ja heute. Da bist du sicher froh, dass du wieder deine eigenen Sachen anziehen kannst? Da fühlt man sich doch gleich wohler, nicht wahr? Also zieh sie schnell an und halte dich bereit! Du wirst in der nächsten halben Stunde abgeholt.“