© Renate Dietrich
Renate Dietrich
Glück wohnt in Halifax 3 - Ankunft Leseprobe

Kapitel 1

Das Jahr 1991 begann mit Schnee und Feuerwerk. Jennifer und Andor waren sich einig, dass die Symmetrie der Ziffern ein gutes Omen sein müsste und auf jeden Fall Glück für sie bedeutete. Selbst Catherine wurde davon angesteckt, wenn sie sich auch bemühte, die beiden auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Von ihrer Mutter war sie niedergeschlagen zurückgekehrt, aber nach wenigen Tagen musste sie sich eingestehen, dass Andors Anwesenheit auch ihr Leben vergoldete und sei es auch nur durch Jennifers Strahlen. Sie versuchte nicht, ihnen auszureden zu heiraten. Ihre heimlichen Befürchtungen beruhigte sie damit, dass selbst wenn die Beziehung schief ginge, die beiden doch wenigstens einmal in ihrem Leben eine große Liebe erlebt hätten. Sie machte sich keine Illusionen über Jennifers Fähigkeit sich anzupassen, ohne dass sie ihr den Willen dafür bestritt. Das Mädchen mochte hundertmal versichern, dass sie für den Rest ihres Lebens glücklich sein würde, tief drinnen in ihr war ein harter unerbittlicher Kern, der selbst durch diese Liebe unerreichbar blieb, und der früher oder später zum Vorschein kommen würde. Es war Andor, der in diesem Spiel um die Zukunft die unbekannte Größe war. Würde er sich arrangieren können mit Jennifers Anfällen von tiefer untröstlicher Einsamkeit, die unberechenbar und oft grundlos hervorbrachen? Catherine wusste nur zu gut, wie sehr man sich zurückgewiesen fühlen konnte, gerade, wenn man Jennifer liebte und für sie sorgen wollte. Würde Andor, um sich selbst zu retten, versuchen müssen, diesen innersten Kern aufzubrechen, und würde er dabei den Rest von Jennifer gleich mit zerstören? Catherine war sich nicht sicher, ob er wirklich erkannte, was sie war. Manchmal fürchtete sie, für ihn wäre sie vor allem exotisch und wild, phantastisch im Bett und witzig in der Unterhaltung, ein Paradiesvogel, den es festzuhalten galt, weil er so selten und so schillernd war. Die dunklen Momente, diese Momente unaussprechlichen Absturzes, in denen Jennifer nur noch auf der Flucht war - tatsächlich oder in sich hinein - hatte er noch nicht miterlebt. Wie würde er damit umgehen, wenn die Sonntage zu Ende gingen und die Montage begännen? Aber so viel Catherine auch grübelte, sie wusste, dass sie Jennifer mit ihm ziehen lassen musste. Was sie jedoch erreichte, weil es vernünftig war und ihnen allen eine gewisse Atempause verschaffte, war, dass sie Jennifers achtzehnten Geburtstag abwarteten. Denn sie würde sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen müssen. Sie würde sich eine Geburtsurkunde besorgen müssen und anschließend einen Reisepass beantragen. Mit achtzehn wäre sie volljährig und keiner könnte mehr eingreifen oder über ihr Leben bestimmen. Außerdem erklärte ihr Catherine, dass es kaum schneller gehen würde, wenn sie sich wegen einer Heirat erst mal mit ihrem Amtsvormund auseinandersetzen müsste. So wählten sie einen Termin Ende April, was ihnen Zeit genug gab, um auf beiden Seiten des Atlantiks sämtliche benötigten Papiere zusammenzutragen. Andor wurde Ende Januar unter Tränen nach Kanada zurückgeschickt, um dort seine Vorbereitungen zu treffen. Noch nie hatte Jennifer ihren Geburtstag so herbeigesehnt, obwohl sie weder Zeit und noch Lust hatte, den Tag zu feiern, denn Andor war nicht da, und im Übrigen war sie viel zu sehr damit beschäftigt, die Papiere zusammenzutragen, die der Welt bewiesen, dass sie Andor Halvard heiraten und mit ihm nach Kanada ziehen durfte. Eine Kopie ihrer Geburtsurkunde zu bekommen, war leichter, als sie es sich gedacht hatte. Als sie das Dokument schließlich in den Händen hielt, fühlte sie ein seltsames Ziehen im Herzen. Die Bestätigung, dass sie tatsächlich existierte! Ihre Mutter war darauf genannt und Datum und Ort ihrer Geburt. In der Spalte, die für den Namen des Vaters vorgesehen war, stand eine Abkürzung, die Catherine für sie als „unbekannt“ entzifferte. Jennifer war nur einen Augenblick lang verstört, im Grunde hatte sie auch nichts anderes erwartet. Mit der Geburtsurkunde konnte sie nun einen Pass beantragen. Sie bräuchte allerdings noch einen vertrauenswürdigen Zeugen, der ihre Identität bestätigte, wurde ihr mitgeteilt. Catherine würde das sicher für sie tun und an deren Vertrauenswürdigkeit konnte ja wohl niemand zweifeln. Aber die schien sich plötzlich zu zieren. Woher sie denn wissen sollte, ob Jennifer wirklich die war, die sie zu sein behauptete, schließlich hatte sie doch ständig ihre Identität gewechselt? Als Catherine Jennifers entsetztes Gesicht sah, nahm sie sie schnell in die Arme und versicherte ihr, dass sie nur einen Witz gemacht hätte. Natürlich würde sie alles beschwören, wenn sie sie damit nur loswürde. Jennifer lachte, aber Catherine hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Warum reagierte sie in letzter Zeit ständig so spitz? Den Rest der Zeit arbeitet Jennifer hart, um sich ihrer wunderbaren Zukunft würdig zu erweisen. Andor hatte ihr ein paar Bücher gekauft, die mit kanadischer Geschichte und Geografie zu tun hatten. In ihrer üblichen Gründlichkeit studierte sie die Texte, bis sie das Gefühl hatte, jeder Prüfung standhalten zu können. Sie las jeden Zeitungsartikel, der mit Kanada, mit Nova Scotia und mit Halifax zu tun hatte. Mit großer Rührung registrierte sie jede Erwähnung der Familie Halvard. Sie beendete ihre beiden Kurse mit glänzenden Ergebnissen. In England hätte sie sich nun um einen Studienplatz bewerben können. Aber sie dachte nicht mehr England und gar an eine Universität, ihre Zukunft würde Kanada sein, und was ihre Prüfungen dort wert sein würden, musste sich erst noch herausstellen. Ihr Chef, den sie eines Tages einweihte, nahm ihren bevorstehenden Abschied mit ehrlichem Bedauern zur Kenntnis. Obwohl er ihr versprochen hatte, es erst einmal für sich zu behalten, tratschte sich die Neuigkeit doch bald herum. Verblüfft stellte Jennifer fest, dass sie ganz beliebt war. Eine ganze Reihe von Kollegen kam vorbei, um ihr Glück zu wünschen, manche priesen Kanada und die, die Andor kannten, waren übereinstimmend der Meinung, dass sie wirklich das große Los gezogen hätte. Sie sollte ihre Hochzeit planen, aber tatsächlich hatte sie selbst noch nie eine Hochzeit erlebt. Sie kannte sowas nur aus Filmen, wo es immer ein romantisches Kirchlein oder eine große Kathedrale war, in der eine errötende Braut in strahlendem Weiß von einem stolzen Vater zum Altar geführt wurde, während sich die gerührte Mama vornehm eine Träne abtupfte, wozu die Orgel den Hochzeitsmarsch intonierte. Nur hatte sie keinen Vater zum Führen und keine Mutter zum Schluchzen, und es war eine lange Pause eingetreten, als sie Andor am Telefon gefragt hatte, ob er in einer Kirche heiraten wollte. Schließlich hatte er „Ach, weißt du, besser nicht.“ gemurmelt und damit auch noch die letzte Filmszene herausgeschnitten. Dafür hatte er ihr etwas mitzuteilen, das er für eine gute Nachricht hielt: sein Vater sei zwar zu hinfällig, um zu reisen, aber seine Mutter würde es sich natürlich nicht nehmen lassen, bei der Eheschließung ihres Ältesten anwesend zu sein. Sie sollte sich also bemühen, ein nettes Hotel zu finden, in dem seine Mutter wohnen und wo sie selbst auch heiraten könnten. Seine Mutter wünschte sich etwas typisch Englisches, vielleicht auf dem Land, mit ein bisschen Flair und jeder Menge Komfort. „Ich dachte, wir heiraten auf dem Standesamt und feiern hier bei uns?“ warf Jennifer schüchtern ein. „Ich denke nicht dran! Zu wenig Romantik und viel zu viel Arbeit. Außerdem will ich unsere Hochzeitsnacht in einem richtigen Bett verbringen und nicht auf deiner Matratze. Also such uns ein Hotel und buche gleich die Hochzeitssuite! Einschließlich Zimmerservice… Champagner, wenn uns danach ist, und was Leckeres zum Knabbern, für den kleinen Hunger zwischendurch. Und vor allem will ich nicht daran denken müssen, dass Catherine uns nebenan hören könnte.“ Mutter… Hotel… Hochzeitsnacht... Champagner. Jennifer fühlte sich plötzlich beklommen. Natürlich hatte sie Andors Eltern bereits in ihr Herz geschlossen, wie alles, was zu ihm gehörte. Aber zwischen dem Wissen, dass sie irgendwo existierten, und dem drohenden Eintreffen ihrer zukünftigen Schwiegermutter bestand immer noch ein fataler Unterschied. Besorgt fragte sie Catherine, was sie tun sollte. Die kam sich langsam blöd vor. Sie fühlte sich immer mehr in die Rolle der Brautmutter gedrängt, die man zwar jetzt noch brauchte, die aber nach der Hochzeit wehmütig würde zurückbleiben müssen. „Der Abschied von der Katze scheint dir schwerer zu fallen als der Abschied von mir.“, bemerkte sie bitter, als Jennifer zum hundertsten Mal mit der Katze auf dem Arm durch die Wohnung streifte und laut darüber nachdachte, was sie nach Kanada mitnehmen und was sie zurücklassen sollte. „Aber dich verliere ich doch nicht!“ antwortete die empört, „Wir können uns doch schreiben und uns anrufen. Und ich komme dich regelmäßig besuchen. Und du kommst zu uns nach Halifax. Ganz sicher! Niemals wird etwas zwischen uns kommen.“ Catherine war sich nicht so sicher, aber das behielt sie besser für sich. Eine Kollegin hatte ihr schließlich einen Tipp für einen guten Ort zum Heiraten gegeben. Es war ein ehemaliges Herrenhaus, jetzt ein Hotel, umgeben von sorgfältig gepflegten Parkanlagen, in einem idyllischen Tal, wo sich offene Wiesen und lichte Waldstücke abwechselten. Hochzeiten fanden dort regelmäßig statt, das Haus warb geradezu damit. An einem Samstag hatte Catherine Jennifer ins Auto gepackt und war mit ihr dorthin gefahren. Sie wurden herzlich empfangen, ihr Anliegen wurde sofort begeistert aufgenommen. Nach einer kleinen Besichtigungstour bat die Hausdame sie auf eine ausgezeichnete Tasse Tee in einen kleinen Salon und unterbreitete ihnen verschiedene Vorschläge für die Feier. Jennifer erschrak, als sie hörte, was selbst die Ausrichtung einer einfachen Hochzeit kosten würde, aber Catherine führte die Verhandlungen ungerührt weiter und versicherte ihr auf der Heimfahrt, sie sollte sich keine Sorgen wegen des Geldes machen. Das würde ihr Hochzeitsgeschenk sein, das letzte, was sie noch für sie tun könnte, ehe Andor ihr die Verantwortung für sie abnehmen würde. Sie sollte sich stattdessen lieber mal Gedanken über das Kleid machen, in dem sie heiraten wollte. „Natürlich kannst du in Weiß, in Seide, Spitzen und mit tausend Rüschen heiraten. Aber irgendwie kann ich es mir nicht vorstellen…“
Renate Dietrich
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Glück wohnt in Halifax 3 - Ankunft Leseprobe

Kapitel 1

Das Jahr 1991 begann mit Schnee und Feuerwerk. Jennifer und Andor waren sich einig, dass die Symmetrie der Ziffern ein gutes Omen sein müsste und auf jeden Fall Glück für sie bedeutete. Selbst Catherine wurde davon angesteckt, wenn sie sich auch bemühte, die beiden auf den Boden der Tat- sachen zurückzuholen. Von ihrer Mutter war sie niedergeschlagen zurückgekehrt, aber nach wenigen Tagen musste sie sich eingestehen, dass Andors Anwesenheit auch ihr Leben vergoldete und sei es auch nur durch Jennifers Strahlen. Sie versuchte nicht, ihnen auszureden zu heiraten. Ihre heimlichen Befürchtungen beruhigte sie damit, dass selbst wenn die Beziehung schief ginge, die beiden doch wenigstens einmal in ihrem Leben eine große Liebe erlebt hätten. Sie machte sich keine Illusionen über Jennifers Fähigkeit sich anzupassen, ohne dass sie ihr den Willen dafür bestritt. Das Mädchen mochte hundertmal versichern, dass sie für den Rest ihres Lebens glücklich sein würde, tief drinnen in ihr war ein harter unerbittlicher Kern, der selbst durch diese Liebe unerreichbar blieb, und der früher oder später zum Vorschein kommen würde. Es war Andor, der in diesem Spiel um die Zukunft die unbekannte Größe war. Würde er sich arrangieren können mit Jennifers Anfällen von tiefer untröstlicher Einsamkeit, die unberechenbar und oft grundlos hervorbrachen? Catherine wusste nur zu gut, wie sehr man sich zurückgewiesen fühlen konnte, gerade, wenn man Jennifer liebte und für sie sorgen wollte. Würde Andor, um sich selbst zu retten, versuchen müssen, diesen innersten Kern aufzubrechen, und würde er dabei den Rest von Jennifer gleich mit zerstören? Catherine war sich nicht sicher, ob er wirklich erkannte, was sie war. Manchmal fürchtete sie, für ihn wäre sie vor allem exotisch und wild, phantastisch im Bett und witzig in der Unterhaltung, ein Paradiesvogel, den es festzuhalten galt, weil er so selten und so schillernd war. Die dunklen Momente, diese Momente unaussprechlichen Absturzes, in denen Jennifer nur noch auf der Flucht war - tatsächlich oder in sich hinein - hatte er noch nicht miterlebt. Wie würde er damit umgehen, wenn die Sonntage zu Ende gingen und die Montage begännen? Aber so viel Catherine auch grübelte, sie wusste, dass sie Jennifer mit ihm ziehen lassen musste. Was sie jedoch erreichte, weil es vernünftig war und ihnen allen eine gewisse Atempause verschaffte, war, dass sie Jennifers achtzehnten Geburtstag abwarteten. Denn sie würde sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen müssen. Sie würde sich eine Geburtsurkunde besorgen müssen und anschließend einen Reisepass beantragen. Mit achtzehn wäre sie volljährig und keiner könnte mehr eingreifen oder über ihr Leben bestimmen. Außerdem erklärte ihr Catherine, dass es kaum schneller gehen würde, wenn sie sich wegen einer Heirat erst mal mit ihrem Amtsvormund auseinandersetzen müsste. So wählten sie einen Termin Ende April, was ihnen Zeit genug gab, um auf beiden Seiten des Atlantiks sämtliche benötigten Papiere zusammenzutragen. Andor wurde Ende Januar unter Tränen nach Kanada zurückgeschickt, um dort seine Vorbereitungen zu treffen. Noch nie hatte Jennifer ihren Geburtstag so her- beigesehnt, obwohl sie weder Zeit und noch Lust hatte, den Tag zu feiern, denn Andor war nicht da, und im Übrigen war sie viel zu sehr damit beschäftigt, die Papiere zusammenzutragen, die der Welt bewiesen, dass sie Andor Halvard heiraten und mit ihm nach Kanada ziehen durfte. Eine Kopie ihrer Geburtsurkunde zu bekommen, war leichter, als sie es sich gedacht hatte. Als sie das Dokument schließlich in den Händen hielt, fühlte sie ein seltsames Ziehen im Herzen. Die Bestätigung, dass sie tatsächlich existierte! Ihre Mutter war darauf genannt und Datum und Ort ihrer Geburt. In der Spalte, die für den Namen des Vaters vorgesehen war, stand eine Abkürzung, die Catherine für sie als „unbekannt“ entzifferte. Jennifer war nur einen Augenblick lang verstört, im Grunde hatte sie auch nichts anderes erwartet. Mit der Geburtsurkunde konnte sie nun einen Pass beantragen. Sie bräuchte allerdings noch einen vertrauenswürdigen Zeugen, der ihre Identität bestätigte, wurde ihr mitgeteilt. Catherine würde das sicher für sie tun und an deren Vertrauenswürdigkeit konnte ja wohl niemand zweifeln. Aber die schien sich plötzlich zu zieren. Woher sie denn wissen sollte, ob Jennifer wirklich die war, die sie zu sein behauptete, schließlich hatte sie doch ständig ihre Identität ge- wechselt? Als Catherine Jennifers entsetztes Gesicht sah, nahm sie sie schnell in die Arme und versicherte ihr, dass sie nur einen Witz gemacht hätte. Natürlich würde sie alles beschwören, wenn sie sie damit nur loswürde. Jennifer lachte, aber Catherine hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Warum reagierte sie in letzter Zeit ständig so spitz? Den Rest der Zeit arbeitet Jennifer hart, um sich ihrer wunderbaren Zukunft würdig zu erweisen. Andor hatte ihr ein paar Bücher gekauft, die mit kanadischer Geschichte und Geografie zu tun hatten. In ihrer üblichen Gründlichkeit studierte sie die Texte, bis sie das Gefühl hatte, jeder Prüfung standhalten zu können. Sie las jeden Zeitungsartikel, der mit Kanada, mit Nova Scotia und mit Halifax zu tun hatte. Mit großer Rührung registrierte sie jede Erwähnung der Familie Halvard. Sie beendete ihre beiden Kurse mit glänzenden Ergebnissen. In England hätte sie sich nun um einen Studienplatz bewerben können. Aber sie dachte nicht mehr England und gar an eine Universität, ihre Zukunft würde Kanada sein, und was ihre Prüfungen dort wert sein würden, musste sich erst noch herausstellen. Ihr Chef, den sie eines Tages einweihte, nahm ihren bevorstehenden Abschied mit ehrlichem Be- dauern zur Kenntnis. Obwohl er ihr versprochen hatte, es erst einmal für sich zu behalten, tratschte sich die Neuigkeit doch bald herum. Verblüfft stellte Jennifer fest, dass sie ganz beliebt war. Eine ganze Reihe von Kollegen kam vorbei, um ihr Glück zu wünschen, manche priesen Kanada und die, die Andor kannten, waren übereinstimmend der Meinung, dass sie wirklich das große Los gezogen hätte. Sie sollte ihre Hochzeit planen, aber tatsächlich hatte sie selbst noch nie eine Hochzeit erlebt. Sie kannte sowas nur aus Filmen, wo es immer ein romantisches Kirchlein oder eine große Kathedrale war, in der eine errötende Braut in strahlendem Weiß von einem stolzen Vater zum Altar geführt wurde, während sich die gerührte Mama vornehm eine Träne abtupfte, wozu die Orgel den Hochzeitsmarsch into- nierte. Nur hatte sie keinen Vater zum Führen und keine Mutter zum Schluchzen, und es war eine lange Pause eingetreten, als sie Andor am Telefon gefragt hatte, ob er in einer Kirche heiraten wollte. Schließlich hatte er „Ach, weißt du, besser nicht.“ gemurmelt und damit auch noch die letzte Filmszene herausge- schnitten. Dafür hatte er ihr etwas mitzuteilen, das er für eine gute Nachricht hielt: sein Vater sei zwar zu hinfällig, um zu reisen, aber seine Mutter würde es sich natürlich nicht nehmen lassen, bei der Eheschließung ihres Ältesten anwesend zu sein. Sie sollte sich also bemühen, ein nettes Hotel zu finden, in dem seine Mutter wohnen und wo sie selbst auch heiraten könnten. Seine Mutter wünschte sich etwas typisch Englisches, vielleicht auf dem Land, mit ein bisschen Flair und jeder Menge Komfort. „Ich dachte, wir heiraten auf dem Standesamt und feiern hier bei uns?“ warf Jennifer schüchtern ein. „Ich denke nicht dran! Zu wenig Romantik und viel zu viel Arbeit. Außerdem will ich unsere Hochzeits- nacht in einem richtigen Bett verbringen und nicht auf deiner Matratze. Also such uns ein Hotel und buche gleich die Hochzeitssuite! Einschließlich Zimmerser- vice… Champagner, wenn uns danach ist, und was Leckeres zum Knabbern, für den kleinen Hunger zwischendurch. Und vor allem will ich nicht daran denken müssen, dass Catherine uns nebenan hören könnte.“ Mutter… Hotel… Hochzeitsnacht... Champagner. Jennifer fühlte sich plötzlich beklommen. Natürlich hatte sie Andors Eltern bereits in ihr Herz geschlossen, wie alles, was zu ihm gehörte. Aber zwischen dem Wissen, dass sie irgendwo existierten, und dem drohenden Eintreffen ihrer zukünftigen Schwiegermutter bestand immer noch ein fataler Unterschied. Besorgt fragte sie Catherine, was sie tun sollte. Die kam sich langsam blöd vor. Sie fühlte sich immer mehr in die Rolle der Brautmutter gedrängt, die man zwar jetzt noch brauchte, die aber nach der Hochzeit wehmütig würde zurückbleiben müssen. „Der Abschied von der Katze scheint dir schwerer zu fallen als der Abschied von mir.“, bemerkte sie bitter, als Jennifer zum hundertsten Mal mit der Katze auf dem Arm durch die Wohnung streifte und laut darüber nachdachte, was sie nach Kanada mitnehmen und was sie zurücklassen sollte. „Aber dich verliere ich doch nicht!“ antwortete die empört, „Wir können uns doch schreiben und uns anrufen. Und ich komme dich regelmäßig besuchen. Und du kommst zu uns nach Halifax. Ganz sicher! Niemals wird etwas zwischen uns kommen.“ Catherine war sich nicht so sicher, aber das behielt sie besser für sich. Eine Kollegin hatte ihr schließlich einen Tipp für einen guten Ort zum Heiraten gegeben. Es war ein ehemaliges Herrenhaus, jetzt ein Hotel, umgeben von sorgfältig gepflegten Parkanlagen, in einem idyl- lischen Tal, wo sich offene Wiesen und lichte Wald- stücke abwechselten. Hochzeiten fanden dort regel- mäßig statt, das Haus warb geradezu damit. An einem Samstag hatte Catherine Jennifer ins Auto gepackt und war mit ihr dorthin gefahren. Sie wurden herzlich empfangen, ihr Anliegen wurde sofort begeistert aufgenommen. Nach einer kleinen Be- sichtigungstour bat die Hausdame sie auf eine ausgezeichnete Tasse Tee in einen kleinen Salon und unterbreitete ihnen verschiedene Vorschläge für die Feier. Jennifer erschrak, als sie hörte, was selbst die Ausrichtung einer einfachen Hochzeit kosten würde, aber Catherine führte die Verhandlungen ungerührt weiter und versicherte ihr auf der Heimfahrt, sie sollte sich keine Sorgen wegen des Geldes machen. Das würde ihr Hochzeitsgeschenk sein, das letzte, was sie noch für sie tun könnte, ehe Andor ihr die Verant- wortung für sie abnehmen würde. Sie sollte sich stattdessen lieber mal Gedanken über das Kleid machen, in dem sie heiraten wollte. „Natürlich kannst du in Weiß, in Seide, Spitzen und mit tausend Rüschen heiraten. Aber irgendwie kann ich es mir nicht vorstellen…“