© Renate Dietrich
Renate Dietrich
Der Tag des Sturms - Leseprobe
Kapitel 1 Seit Stunden wiederholte das Radio, dass der größte Sturm seit Menschengedenken bevorstünde, dass mit erheblichen Schäden zu rechnen wäre und dass sämtliche Rettungskräfte bereitstünden. Daniel hatte das Autoradio angeschaltet, während er die Delle ausbeulte, die ihm einer dieser ahnungslosen Touristen in den Kotflügel gedrückt hatte, weil er das Prinzip der ‚Passing Places‘ nicht verstanden hatte. Im Grunde war es doch ganz einfach. Jeder verstand es. Nur einige Fremde offen- sichtlich nicht. Die Straßen in der Umgebung waren meist einspurig. Wenn ein Fahr- zeug entgegenkam, dann wich man links in einen ‚Passing Place‘ aus, um den anderen Fahrer auf der rechten Straßenseite durchzulassen. Wenn der Passing Place auf der rechten Seite war, blieb man links auf der Straße stehen und erlaubte dem anderen, den Passing Place rechts zu durchfahren. Denn der lag für den anderen auf der linken Seite. In diesem Land fuhr man links! Immer! Obwohl es tausend Witze darüber gab, dass man in den schottischen Highlands am Besten in der Mitte der Straße fahren sollte. Die besagte Delle war entstanden, als er ganz richtig nach links ausgewichen war, der andere aber dieselbe Bucht angesteuert hatte! Der andere war schuld gewesen, dass ihre Kotflügel aneinandergeraten waren. Eindeutig. Er hatte sich auch sofort und mehr als einmal entschuldigt. Er hatte fast geweint. Kein Wunder: Ein Fremder in einem fremden Land, wo eine fremde Sprache gesprochen und auf der richtigen Seite, nämlich links, gefahren wurde! Er hatte dem Trottel hundert Pfund abgenommen, bar auf die Hand. Keine Quittung! Dann waren sie beide davongefahren und er war nun um hundert Pfund reicher! Denn die Delle auszubeulen, würde nur ein paar Minuten dauern. Wenn er Glück hatte, bliebe sogar der Lack unbeschädigt. Außerdem kam es wirklich nicht darauf an. Ein Kratzer mehr oder weniger an seinem Auto war ihm im Grunde egal. Solange es nur fuhr. Es musste ja keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Aber warum war überhaupt jemand mitten im Winter an der Westküste unterwegs? Schlimm genug, dass die schmalen Straßen den größten Teil des Jahres mit Wohn- mobilen und anderen Fahrzeugen verstopft waren. Im Winter wollten sie doch wenigs- tens ihre Ruhe haben! Aber seitdem die Tourismusbehörde einen Rundweg um den Norden Schottlands herum ausgerufen und ihn ‚Route North Coast 500‘ getauft hatten, schien es so etwas wie einen Wettbewerb zu geben, die fünfhundert Meilen - bei welchem Wetter auch immer - so schnell wie möglich zurückzulegen oder es wenigs- tens mit einem völlig ungeeigneten Fahrzeug zu tun. Aber jetzt dachte er nicht mehr über Touristen und den Blödsinn nach, den die Tourismusbehörde veranstaltete, ohne sich darum zu kümmern, ob die Infrastruktur es auch aushielte. Jetzt musste er sich auf den Sturm vorbereiten. Er hörte die Nachricht und die Warnungen nun schon den ganzen Morgen und allmählich begann er zu fürchten, dass es dieses Mal wirklich ernst werden könnte. Stürme ließen ihn eigentlich kalt. Das, was man anderswo einen Sturm nannte, war für ihn und alle, die an der schottischen Westküste lebten, nur ein bisschen mehr Wind. Wind, der sie jeden Tag ihres Lebens begleitet, im Herbst und Winter mehr, an warmen und sonnigen Tagen weniger. Wind, der dazu führte, dass ihre Häuser vernünftig gebaut werden mussten: mit Fenstern, die man nach außen öffnete, damit sie notfalls in den Rahmen und nicht aus dem Rahmen gedrückt wurden, und mit Dächern ohne jeden Überstand, unter den der Wind gelangen und das Dach abheben konnte. Aber es war Anfang Januar und aus dem üblichen Wind schien diesmal tatsächlich ein Sturm zu werden. Der Höhepunkt wurde gegen Mitternacht erwartet, hatte der Wetterbericht vorausgesagt. Er dachte vor allem an seine Mutter, die seit einem Jahr in dem lokalen Altersheim lebte. Es ging ihr dort gut. Sie wurde besser versorgt, als er es je hätte tun können. Sie hatte Freunde um sich, die sie ihr ganzes Leben gekannt hatte und die nun mit ihr alt wurden. Und das Wichtigste: Ärzte und Pfleger waren ganz schnell zur Hand, wenn sie wieder einmal einen ihrer Anfälle bekam. Das Gelände des Heims reichte bis zum Strand runter, was er besonders schön gefunden hatte, als er das Heim das erste Mal besucht hatte. Seine Mutter bewohnte ein gemütliches großes Zimmer mit eigenem Bad im Erdgeschoß. Ein Fenster ging auf die Bucht hinaus. Auf der anderen Seite konnte sie die Berge sehen, die sich hinter dem kleinen Ort erhoben. In diesem Dorf bekam sie auch alles, was sie alltäglich brauchte, und eine dichte Reihe von Bäumen und Sträucher schützten sie vor dem Westwind. Aber nun überlegte er doch, ob er seine Mutter nicht besser nach Hause holen sollte. Die Nähe zum Meer erschien ihm plötzlich gefährlich, ebenso wie die hohen Bäume, die das Gelände vor dem Wind schützen sollten. Andererseits würde er seiner Mutter kaum helfen können, wenn sie hier während des Sturms einen Anfall bekäme, was leicht geschehen könnte, wenn sie in Panik geriete. Er könnte natürlich auch zu ihr fahren. Sie würde sich wahrscheinlich freuen und er würde auch helfen können, sie zu beruhigen, wenn es zum Schlimmsten kommen sollte. Aber dann dachte er, dass das Heim kaum glücklich darüber wäre, auch noch die Angehörigen ihrer Bewohner in einer solchen Situation unterbringen zu müssen. Außerdem wollte er den Sturm lieber in seinem eigenen Haus überstehen. Falls irgendein Schaden entstehen sollte, wollte er zur Stelle sein, um so schnell wie möglich zu retten, was noch zu retten war. Er würde alle paar Stunden mit seiner Mutter telefonieren und ihr erklären, dass alles in Ordnung wäre und sie sich keine Sorgen machen müsste. Und dann würde er um das Haus herum aufräumen, was er eigentlich hätte schon lange tun sollen, damit nicht herumwirbelndes Werkzeug und andere schwere Teile, die sich angesammelt hatten, Schaden anrichten konnten. Auch würde er in der Garage so viel Platz schaffen, dass er das Auto diesmal tatsächlich darin unterbringen konnte. Er grinste und schüttelte den Kopf. Eigentlich benutzte hier niemand eine Garage, um ein Auto unterzubringen! Garagen waren, wie Schuppen, Orte, wo man Dinge aufbewahren konnte, die man nicht im Haus haben wollte. In anderen Gegenden benutzte man dazu vielleicht Keller. Aber Keller auszuheben, war hier nicht möglich. Zu viel Fels darunter und zu wenig Erde zwischen Haus und Fels. Also baute man den benötigten Speicherplatz neben dem Haus und nannte ihn ‚Garage‘. Aber diesmal würde er es tun: Er würde sein Auto unterstellen und hoffen, dass das Dach es auch vor einem umstürzenden Baum schützen könnte. Von all seinen Besitztümern war das Auto vielleicht das Wichtigste. Ohne das wäre er total auf die Hilfe anderer angewiesen. Ohne Auto kein Einkauf, keine Möglichkeit zu arbeiten, kein Besuch beim Doktor, keine Chance, seine Mutter zu besuchen. Ohne Auto wäre er abgeschnitten vom Rest der Welt und dann nützte es ihm auch wenig, dass er ein Haus und die dazugehörige Croft besaß. In dieser Jahreszeit wurde es ab vier Uhr schon wieder dunkel und er verzog sich ins Haus. Als zwei Stunden später der Strom ausfiel, war es draußen bereits finster. Mit dem Strom fiel auch die Zentralheizung aus und die Telefonverbindung war unterbrochen, aber das Handy funktionierte glücklicherweise noch. Er telefonierte schnell noch einmal mit seiner Mutter, obwohl die Verbindung sehr brüchig war. Aber er hoffte, sie würde sich bald schlafen legen und das Schlimmste gar nicht mitbekommen.
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Der Tag des Sturms - Leseprobe
Kapitel 1 Seit Stunden wiederholte das Radio, dass der größte Sturm seit Menschengedenken bevorstünde, dass mit erheblichen Schäden zu rechnen wäre und dass sämtliche Rettungskräfte bereitstünden. Daniel hatte das Autoradio angeschaltet, während er die Delle ausbeulte, die ihm einer dieser ahnungslosen Touristen in den Kotflügel gedrückt hatte, weil er das Prinzip der ‚Passing Places‘ nicht verstanden hatte. Im Grunde war es doch ganz einfach. Jeder verstand es. Nur einige Fremde offensichtlich nicht. Die Straßen in der Umgebung waren meist einspurig. Wenn ein Fahrzeug entgegenkam, dann wich man links in einen ‚Passing Place‘ aus, um den anderen Fahrer auf der rechten Straßenseite durchzulassen. Wenn der Passing Place auf der rechten Seite war, blieb man links auf der Straße stehen und erlaubte dem anderen, den Passing Place rechts zu durchfahren. Denn der lag für den anderen auf der linken Seite. In diesem Land fuhr man links! Immer! Obwohl es tausend Witze darüber gab, dass man in den schottischen Highlands am Besten in der Mitte der Straße fahren sollte. Die besagte Delle war entstanden, als er ganz richtig nach links ausgewichen war, der andere aber dieselbe Bucht angesteuert hatte! Der andere war schuld gewesen, dass ihre Kotflügel aneinandergeraten waren. Eindeutig. Er hatte sich auch sofort und mehr als einmal ent- schuldigt. Er hatte fast geweint. Kein Wunder: Ein Fremder in einem fremden Land, wo eine fremde Sprache gesprochen und auf der richtigen Seite, nämlich links, gefahren wurde! Er hatte dem Trottel hundert Pfund abgenommen, bar auf die Hand. Keine Quittung! Dann waren sie beide davongefahren und er war nun um hundert Pfund reicher! Denn die Delle auszubeulen, würde nur ein paar Minuten dauern. Wenn er Glück hatte, bliebe sogar der Lack unbeschädigt. Außerdem kam es wirklich nicht darauf an. Ein Kratzer mehr oder weniger an seinem Auto war ihm im Grunde egal. Solange es nur fuhr. Es musste ja keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Aber warum war überhaupt jemand mitten im Winter an der Westküste unterwegs? Schlimm genug, dass die schmalen Straßen den größten Teil des Jahres mit Wohnmobilen und anderen Fahrzeugen verstopft waren. Im Winter wollten sie doch wenigstens ihre Ruhe haben! Aber seitdem die Tourismusbehörde einen Rundweg um den Norden Schottlands herum ausgerufen und ihn ‚Route North Coast 500‘ getauft hatten, schien es so etwas wie einen Wettbewerb zu geben, die fünfhundert Meilen - bei welchem Wetter auch immer - so schnell wie möglich zurückzulegen oder es wenigstens mit einem völlig unge- eigneten Fahrzeug zu tun. Aber jetzt dachte er nicht mehr über Touristen und den Blödsinn nach, den die Tourismusbehörde veranstaltete, ohne sich darum zu kümmern, ob die Infrastruktur es auch aushielte. Jetzt musste er sich auf den Sturm vorbereiten. Er hörte die Nachricht und die Warnungen nun schon den ganzen Morgen und allmählich begann er zu fürchten, dass es dieses Mal wirklich ernst werden könnte. Stürme ließen ihn eigentlich kalt. Das, was man anderswo einen Sturm nannte, war für ihn und alle, die an der schottischen Westküste lebten, nur ein bisschen mehr Wind. Wind, der sie jeden Tag ihres Lebens begleitet, im Herbst und Winter mehr, an warmen und sonnigen Tagen weniger. Wind, der dazu führte, dass ihre Häuser ver- nünftig gebaut werden mussten: mit Fenstern, die man nach außen öffnete, damit sie notfalls in den Rahmen und nicht aus dem Rahmen gedrückt wurden, und mit Dächern ohne jeden Überstand, unter den der Wind gelangen und das Dach abheben konnte. Aber es war Anfang Januar und aus dem üblichen Wind schien diesmal tatsächlich ein Sturm zu werden. Der Höhepunkt wurde gegen Mitternacht erwartet, hatte der Wetterbericht vorausgesagt. Er dachte vor allem an seine Mutter, die seit einem Jahr in dem lokalen Altersheim lebte. Es ging ihr dort gut. Sie wurde besser versorgt, als er es je hätte tun können. Sie hatte Freunde um sich, die sie ihr ganzes Leben gekannt hatte und die nun mit ihr alt wurden. Und das Wichtigste: Ärzte und Pfleger waren ganz schnell zur Hand, wenn sie wieder einmal einen ihrer Anfälle bekam. Das Gelände des Heims reichte bis zum Strand runter, was er besonders schön gefunden hatte, als er das Heim das erste Mal besucht hatte. Seine Mutter bewohnte ein gemütliches großes Zimmer mit eigenem Bad im Erd- geschoß. Ein Fenster ging auf die Bucht hinaus. Auf der anderen Seite konnte sie die Berge sehen, die sich hinter dem kleinen Ort erhoben. In diesem Dorf bekam sie auch alles, was sie alltäglich brauchte, und eine dichte Reihe von Bäumen und Sträucher schützten sie vor dem Westwind. Aber nun überlegte er doch, ob er seine Mutter nicht besser nach Hause holen sollte. Die Nähe zum Meer erschien ihm plötzlich gefährlich, ebenso wie die hohen Bäume, die das Gelände vor dem Wind schützen sollten. Andererseits würde er seiner Mutter kaum helfen können, wenn sie hier während des Sturms einen Anfall bekäme, was leicht geschehen könnte, wenn sie in Panik geriete. Er könnte natürlich auch zu ihr fahren. Sie würde sich wahrscheinlich freuen und er würde auch helfen können, sie zu beruhigen, wenn es zum Schlimmsten kommen sollte. Aber dann dachte er, dass das Heim kaum glücklich darüber wäre, auch noch die Angehörigen ihrer Bewohner in einer solchen Situation unterbringen zu müssen. Außerdem wollte er den Sturm lieber in seinem eigenen Haus überstehen. Falls irgendein Schaden entstehen sollte, wollte er zur Stelle sein, um so schnell wie möglich zu retten, was noch zu retten war. Er würde alle paar Stunden mit seiner Mutter telefonieren und ihr erklären, dass alles in Ordnung wäre und sie sich keine Sorgen machen müsste. Und dann würde er um das Haus herum aufräumen, was er eigentlich hätte schon lange tun sollen, damit nicht herumwirbelndes Werkzeug und andere schwere Teile, die sich angesammelt hatten, Schaden anrichten konnten. Auch würde er in der Garage so viel Platz schaffen, dass er das Auto diesmal tatsächlich darin unterbringen konnte. Er grinste und schüttelte den Kopf. Eigentlich benutzte hier niemand eine Garage, um ein Auto unterzubringen! Garagen waren, wie Schuppen, Orte, wo man Dinge aufbewahren konnte, die man nicht im Haus haben wollte. In anderen Gegenden benutzte man dazu vielleicht Keller. Aber Keller auszuheben, war hier nicht möglich. Zu viel Fels darunter und zu wenig Erde zwischen Haus und Fels. Also baute man den benötigten Speicherplatz neben dem Haus und nannte ihn ‚Garage‘. Aber diesmal würde er es tun: Er würde sein Auto unterstellen und hoffen, dass das Dach es auch vor einem umstürzenden Baum schützen könnte. Von all seinen Besitztümern war das Auto vielleicht das Wichtigste. Ohne das wäre er total auf die Hilfe anderer angewiesen. Ohne Auto kein Einkauf, keine Möglichkeit zu arbeiten, kein Besuch beim Doktor, keine Chance, seine Mutter zu besuchen. Ohne Auto wäre er abgeschnitten vom Rest der Welt und dann nützte es ihm auch wenig, dass er ein Haus und die dazugehörige Croft besaß. In dieser Jahreszeit wurde es ab vier Uhr schon wieder dunkel und er verzog sich ins Haus. Als zwei Stunden später der Strom ausfiel, war es draußen bereits finster. Mit dem Strom fiel auch die Zentralheizung aus und die Telefonverbindung war unterbrochen, aber das Handy funktionierte glücklicherweise noch. Er telefonierte schnell noch einmal mit seiner Mutter, obwohl die Verbindung sehr brüchig war. Aber er hoffte, sie würde sich bald schlafen legen und das Schlimmste gar nicht mitbe- kommen.