© Renate Dietrich
Renate Dietrich
1. Roya macht einen Ausflug und findet einen Schatz Draußen war es schon hell! Ihr Wecker musste sie im Stich gelassen haben! Roya sprang erschrocken aus dem Bett, noch ehe sie die Augen ganz geöffnet hatte. Aber wo war der Stuhl, auf dem sie abends ihre Sachen ablegte? Und das Fenster? Es war nicht da, wo es sein sollte! Dafür öffnete sich eine Tür, die es in ihrer Wohnung nicht gab, zu einem Bad, das sie nicht gleich erkannte. Roya ließ sich auf das Bett zurückfallen und atmete einmal tief durch. Natürlich! Sie war ja nicht zu Hause! Sie war im ‚Urlaub‘. Nein, sie war noch nicht einmal mehr im ‚Urlaub‘. Von nun an würde ihr Leben nur noch aus solchen Tagen bestehen, in denen keiner etwas von ihr wollte! Und wo es keinen interessierte, wann sie aufstand oder ob sie den ganzen Tag im Bett bleiben würde. Man hatte ihr sogar einen Orden verliehen. Anfang des Jahres hatte sie ihn von der Schwester des Königs angesteckt bekommen. Im Museum hatte es eine großartige Verabschiedung für sie gegeben, einschließlich einer Festschrift und eines Symposiums. Ihren Arbeitsplatz hatte sie da bereits geräumt und ihrem Nachfolger übergeben. Vorher hatte sie ihn eine ganze Woche durch die Hallen und Gänge geführt, in denen sie ihr halbes Leben verbracht hatte, und hatte sich gefragt, was er wohl anders machen würde als sie. Er gehörte auf jeden Fall zu einer anderen Generation. Sie erinnerte sich an sein maßloses Erstaunen darüber, wie altmodisch manches im Museum noch gehandhabt wurde. Mit seinem Handy war er herumgezogen, hatte Aufnahmen gemacht, sogar manchmal gefilmt und ihren Kommentar dabei aufgezeichnet. Das wäre einfacher, hatte er erklärt, als sich Notizen zu machen. Natürlich beherrschte er sein spezielles Wissensgebiet. Deshalb hatte er ja die Stelle bekommen, denn schließlich hatte es eine ganze Menge Bewerbungen gegeben. Mit Münzen kannte er sich tatsächlich aus. Besser als sie. Aber was andere Themen betraf, befürchtete sie, dass sein Wissen nur sehr oberflächlich zu sein schien. Gut genug, um ein Bewerbungsgespräch zu überstehen, aber wenig reflektiert, wenig dazu genutzt, eine eigene Haltung zu einigen Fragen zu entwickeln, mit denen er im Museum Tag für Tag konfrontiert sein würde. Roya machte sich Sorgen, aber schließlich ging es sie nichts mehr an. Sie würde nun ihren ‚wohlverdienten Ruhestand‘ genießen können, hatte die Direktorin ihr zum Abschied versichert. ‚Die zweite Hälfte ihres Lebens‘, hatte ein Kollege versucht, sie zu trösten, der ahnte oder verstand, welchen Teil ihres Lebens sie im Museum hinter sich ließ. Denn da war nichts, worauf sie sich hätte freuen können. Und das mit der zweiten Hälfte war sowieso übertrieben. Sie war jetzt Mitte Sechzig und wusste ganz genau, dass das Beste unwiederbringlich hinter ihr lag. Sie hatte doch alles gehabt: Eine ganz spezielle Position als Kuratorin an einem weltberühmten Museum, eine Wohnung im teuren London -, die genau ihren Bedürfnissen entsprach. Sie bewohnte den gesamten ersten Stock eines georgianischen Hauses, das ihr wegen seiner ausgewogenen Symmetrie so gut gefallen hatte, dass sie den viel zu hohen Preis über viele Jahre abgezahlt hatte. Kollegen und Freunde, die ihre Leidenschaften teilten oder zumindest verstanden, mit denen man sinnvolle Gespräche führen konnte, selbst auf einer Party oder in der Pub nach Feierabend. Dazu das kulturelle Angebot einer Weltstadt, wo man sich niemals langeweilte. Auch wenn es immer mal wieder Situationen gegeben hatte, in denen sie es leise bedauert hatte, keinen Begleiter an ihrer Seite gehabt zu haben. Schließlich wollte sie doch wissen, wie spät es eigentlich war. Im Norden wurde es so früh hell, dass sie sich daran nicht orientieren konnte. Sie sah auf die Uhr. Es war erst sieben! Frühstück gab es zwischen acht und zehn, aber sie wusste, dass die Wirtin hoffte, dass ihre Gäste schon vor zehn das Haus verlassen würden, damit sie sich daran machen konnte, die Zimmer für die kommende Nacht herzurichten. Sie hatte sich für dieses kleine B&B entschieden, weil sie gehofft hatte, so der Anonymität eines Hotels zu entgehen. Ihre Wirtin war tatsächlich liebenswürdig und immer bereit, ein wenig zu plaudern. Sie hatte ihr gute Ratschläge gegeben und ihr gezeigt, wo sie Prospekte und Wanderkarten finden könnte. Auch hatte sie sie gleich am ersten Tag zum Tee eingeladen und selbstgebackenen Scones serviert. Aber für die Frau, die ihr B&B ganz allein betrieb, kamen die notwendigen täglichen Pflichten vor jedem Vergnügen, was sie ihr nicht übelnehmen konnte, denn sie hatte es während ihres Arbeitslebens genauso gehalten. Zu dem B&B kam man auf einer schmalen Straße. Weiter hinten stand noch ein weiteres Haus, ein Ferienhaus, das auf seine Besitzer wartete, und kurz danach endete die Straße in einem Kreisel, auf dem man wenden konnte. Dann kam nur noch Landschaft und einen Fußweg, der zunächst deutlich sichtbar war, sich später aber zwischen Felsen und kleinen Wasserläufen verlor. Roya wusste das, denn das war der erste Weg gewesen, den sie ausprobiert hatte. Am ersten Morgen, als sie gewohnheitsmäßig noch sehr früh aufgewacht war, hatte sie auf der Wiese hinter dem Haus im Morgennebel Rehe gesehen. Oder Hirsche, sie kannte sich da nicht aus. Die Tiere, unter ihnen auch Kitze, hatten in aller Ruhe gegrast und waren erst geflüchtet, als von Ferne das Bellen eines Hundes zu hören war. Schafe sah sie dafür überall und zu allen Zeiten. Sie liefen frei herum. Die Lämmer dieses Frühjahrs waren wohl schon groß genug, um ihren Müttern zu folgen. Roya hatte das Blöken erst seltsam gefunden, vor allem, wenn eines der Kleinen plötzlich laut und fordernd nach seiner Mutter gebrüllt hatte. Es klang tatsächlich wie Kindergeschrei. Aber nach einer Woche war sie so daran gewöhnt, dass es ihr bereits auffiel, wenn man das ‚Mähhh‘ mal nicht hörte.
Mord wirft lange Schatten - Leseprobe
© Renate Dietrich
Renate Dietrich
1. Roya macht einen Ausflug und findet einen Schatz Draußen war es schon hell! Ihr Wecker musste sie im Stich gelassen haben! Roya sprang erschrocken aus dem Bett, noch ehe sie die Augen ganz geöffnet hatte. Aber wo war der Stuhl, auf dem sie abends ihre Sachen ablegte? Und das Fenster? Es war nicht da, wo es sein sollte! Dafür öffnete sich eine Tür, die es in ihrer Wohnung nicht gab, zu einem Bad, das sie nicht gleich erkannte. Roya ließ sich auf das Bett zurückfallen und atmete einmal tief durch. Natürlich! Sie war ja nicht zu Hause! Sie war im ‚Urlaub‘. Nein, sie war noch nicht einmal mehr im ‚Urlaub‘. Von nun an würde ihr Leben nur noch aus solchen Tagen bestehen, in denen keiner etwas von ihr wollte! Und wo es keinen interessierte, wann sie aufstand oder ob sie den ganzen Tag im Bett bleiben würde. Man hatte ihr sogar einen Orden verliehen. Anfang des Jahres hatte sie ihn von der Schwester des Königs angesteckt bekommen. Im Museum hatte es eine großartige Verabschiedung für sie gegeben, einschließlich einer Festschrift und eines Symposiums. Ihren Arbeitsplatz hatte sie da bereits geräumt und ihrem Nachfolger übergeben. Vorher hatte sie ihn eine ganze Woche durch die Hallen und Gänge geführt, in denen sie ihr halbes Leben verbracht hatte, und hatte sich gefragt, was er wohl anders machen würde als sie. Er gehörte auf jeden Fall zu einer anderen Generation. Sie erinnerte sich an sein maßloses Erstaunen darüber, wie altmodisch manches im Museum noch gehandhabt wurde. Mit seinem Handy war er herumgezogen, hatte Aufnahmen gemacht, sogar manchmal gefilmt und ihren Kommentar dabei aufgezeichnet. Das wäre einfacher, hatte er erklärt, als sich Notizen zu machen. Natürlich beherrschte er sein spezielles Wissensgebiet. Deshalb hatte er ja die Stelle bekommen, denn schließlich hatte es eine ganze Menge Bewerbungen gegeben. Mit Münzen kannte er sich tatsächlich aus. Besser als sie. Aber was andere Themen betraf, befürchtete sie, dass sein Wissen nur sehr oberflächlich zu sein schien. Gut genug, um ein Bewerbungsgespräch zu überstehen, aber wenig reflektiert, wenig dazu genutzt, eine eigene Haltung zu einigen Fragen zu entwickeln, mit denen er im Museum Tag für Tag konfrontiert sein würde. Roya machte sich Sorgen, aber schließlich ging es sie nichts mehr an. Sie würde nun ihren ‚wohlverdienten Ruhestand‘ genießen können, hatte die Direktorin ihr zum Abschied versichert. ‚Die zweite Hälfte ihres Lebens‘, hatte ein Kollege versucht, sie zu trösten, der ahnte oder verstand, welchen Teil ihres Lebens sie im Museum hinter sich ließ. Denn da war nichts, worauf sie sich hätte freuen können. Und das mit der zweiten Hälfte war sowieso übertrieben. Sie war jetzt Mitte Sechzig und wusste ganz genau, dass das Beste unwiederbringlich hinter ihr lag. Sie hatte doch alles gehabt: Eine ganz spezielle Position als Kuratorin an einem weltberühmten Museum, eine Wohnung im teuren London -, die genau ihren Bedürfnissen entsprach. Sie bewohnte den gesamten ersten Stock eines georgianischen Hauses, das ihr wegen seiner ausgewogenen Symmetrie so gut gefallen hatte, dass sie den viel zu hohen Preis über viele Jahre abgezahlt hatte. Kollegen und Freunde, die ihre Leidenschaften teilten oder zumindest verstanden, mit denen man sinnvolle Gespräche führen konnte, selbst auf einer Party oder in der Pub nach Feierabend. Dazu das kulturelle Angebot einer Weltstadt, wo man sich niemals langeweilte. Auch wenn es immer mal wieder Situationen gegeben hatte, in denen sie es leise bedauert hatte, keinen Begleiter an ihrer Seite gehabt zu haben. Schließlich wollte sie doch wissen, wie spät es eigentlich war. Im Norden wurde es so früh hell, dass sie sich daran nicht orientieren konnte. Sie sah auf die Uhr. Es war erst sieben! Frühstück gab es zwischen acht und zehn, aber sie wusste, dass die Wirtin hoffte, dass ihre Gäste schon vor zehn das Haus verlassen würden, damit sie sich daran machen konnte, die Zimmer für die kommende Nacht herzurichten. Sie hatte sich für dieses kleine B&B entschieden, weil sie gehofft hatte, so der Anonymität eines Hotels zu entgehen. Ihre Wirtin war tatsächlich liebenswürdig und immer bereit, ein wenig zu plaudern. Sie hatte ihr gute Ratschläge gegeben und ihr gezeigt, wo sie Prospekte und Wanderkarten finden könnte. Auch hatte sie sie gleich am ersten Tag zum Tee eingeladen und selbstgebackenen Scones serviert. Aber für die Frau, die ihr B&B ganz allein betrieb, kamen die notwendigen täglichen Pflichten vor jedem Vergnügen, was sie ihr nicht übelnehmen konnte, denn sie hatte es während ihres Arbeitslebens genauso gehalten. Zu dem B&B kam man auf einer schmalen Straße. Weiter hinten stand noch ein weiteres Haus, ein Ferienhaus, das auf seine Besitzer wartete, und kurz danach endete die Straße in einem Kreisel, auf dem man wenden konnte. Dann kam nur noch Landschaft und einen Fußweg, der zunächst deutlich sichtbar war, sich später aber zwischen Felsen und kleinen Wasserläufen verlor. Roya wusste das, denn das war der erste Weg gewesen, den sie ausprobiert hatte. Am ersten Morgen, als sie gewohnheitsmäßig noch sehr früh aufgewacht war, hatte sie auf der Wiese hinter dem Haus im Morgennebel Rehe gesehen. Oder Hirsche, sie kannte sich da nicht aus. Die Tiere, unter ihnen auch Kitze, hatten in aller Ruhe gegrast und waren erst geflüchtet, als von Ferne das Bellen eines Hundes zu hören war. Schafe sah sie dafür überall und zu allen Zeiten. Sie liefen frei herum. Die Lämmer dieses Frühjahrs waren wohl schon groß genug, um ihren Müttern zu folgen. Roya hatte das Blöken erst seltsam gefunden, vor allem, wenn eines der Kleinen plötzlich laut und fordernd nach seiner Mutter gebrüllt hatte. Es klang tatsächlich wie Kindergeschrei. Aber nach einer Woche war sie so daran gewöhnt, dass es ihr bereits auffiel, wenn man das ‚Mähhh‘ mal nicht hörte.
Mord wirft lange Schatten - Leseprobe