Renate Dietrich
© Renate Dietrich
1. Tag: Sophia Erst waren da fremde Geräusche. Dann ein plötzlicher Ruck. Sie öffnete langsam die Augen. Sie wusste nicht, wo sie war. Wer lag dort? In dem anderen Bett? Zuerst dachte sie ‚Daniel‘. Beruhigt. Aber dann fiel ihr ein, dass es Daniel nicht mehr gab. Sein Sarg war in die ausgehobene Grube heruntergelassen worden. Es war das letzte, was sie von ihm gesehen hatte. Und das war das schwarze Loch, in das sie jedes Mal stürzte. Wenn sie sich erinnerte. Was sie ständig tat. Ohne je den Grund zu erreichen. Dann erinnerte sie sich: Das war Regina! Die in dem anderen Bett. Eine Freundin. Sie kannten sich schon so lange, da konnte man nicht mehr gut ‚Bekannte‘ sagen, obwohl sie ihr nie wirklich nahegestanden hatte. Warum nur hatte sie sie mitgenommen? Sie mochte sie noch nicht einmal besonders. Die Antwort war einfach: Regina war verfügbar gewesen. Sie war niemandem verpflichtet. Lebte allein. Im Vorruhestand. Kultiviert genug. Deshalb hatte sie sie schließlich gefragt, als sie beschlossen hatte, Pläne weiter zu verfolgen, die doch keinen Sinn mehr hatten. Auch sie war jetzt allein. Deshalb passte es. Aber Daniel. Und sie. Das war ihr ganzes Leben gewesen. Sie war eine Ehefrau. Und würde immer eine bleiben. Tief drinnen. Während Regina immer Single gewesen war. Soweit sie wusste. Sie hatte sicher Beziehungen gehabt. Früher einmal. Jeder verliebte sich doch irgendwann. Gab es nicht in jedem Leben wenigstens einen Moment, wo ewige Liebe möglich zu sein schien? Aber irgendwie hatte es keine von Reginas Beziehungen jemals zum ‚Wir‘ und ‚Uns‘ gebracht. Wenigstens soweit sie wusste. Geschichte. Immerhin wusste sie eine Menge. Über Vieles. Auch deshalb hatte sie sie gefragt, ob sie mitkommen wollte. Nein, nichts an Regina war jemals ausgesprochen unerträglich gewesen, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Eher im Gegenteil: sie war stets bemüht gewesen. Viel zu sehr bemüht. Sie wollte es immer allen recht machen. Genau das machte sie manchmal so schwer erträglich. Als sie sie schließlich gefragt hatte, nachdem jeder andere abgelehnt hatte, war diese begeistert gewesen, obwohl sie doch wissen musste, dass sie nicht die erste Wahl war. Hatte sie so überschwänglich reagiert, weil sie überhaupt an sie gedacht hatte? Sie hätte wahrscheinlich genauso begeistert zugestimmt, wenn sie sie gefragt hätte, ob sie mit ihr untergehen wollte. Sie hatte keinerlei Absicht unterzugehen. Heutzutage ging man nicht mehr unter. Man ging auch nicht mehr über Bord. Jedenfalls nicht aus Versehen. Absichtlich? Aber das hatte sie nicht vor! Es wird die Reise unseres Lebens. Hatte ihr Daniel versichert, als er noch an das Leben geglaubt hatte. Erst dieser Höhepunkt. Später dann das Ende. Irgendwann. Nur dass er die Reihenfolge verwechselt hatte! Sie musterte die Schlafende mit Widerwillen. Aber die Vorstellung, dass das andere Bett monatelang leer und unberührt sein würde, jeden Morgen aufs Neue, war noch viel unerträglicher gewesen. So musste sie sich wohl damit abfinden, dass nun Regina dort lag. Und fest und selig schlief. Wann sie wohl aufwachen würde? Später. Im Restaurant. Beim Frühstück. Sollte sie ihr noch einen Kaffee holen? Nein, Regina, dazu sind diese Leute da. Sie sah sich um. Da stand einer von denen. Mit weißem Hemd und schwarzer Weste. Es gab ein ganzes Heer davon. Sie waren da, um sie zu bedienen. Sie interessierten sie nicht. Dieser stand da und sah sie nachdenklich an. Hatte er sie schon die ganze Zeit beobachtet? Noch ehe sie die Hand richtig gehoben hatte, war er schon neben ihr und beugte sich zu ihr herunter. Er kam ihr viel zu nah. Und er lächelte! Hier lächelten alle. Ständig. Oder sie lachten. Es ärgerte sie fast so wie Reginas Bereitschaft, immerzu etwas für sie zu tun. Einen Kaffee, schwarz, ohne Milch, ohne Zucker! Bitte! Sonst nichts! Und schon gar kein mitleidiges Lächeln. Von wo das Schiff angelegt hatte, konnte man Marseille nur ahnen und sah nichts von seiner Schönheit. Falls man überhaupt von Schönheit sprechen konnte. Ihre Erinnerungen an diesen Ort waren keine positiven: sie hatte vor langer, langer Zeit einmal auf der Insel in der Mitte der Bucht viel zu lange auf ein Boot warten müssen. Unter einer unbarmherzigen glühenden Sonne. Außerdem war ihr damals erbärmlich schlecht gewesen. Im Shuttlebus zum Zentrum erklärte ihr Regina nicht zum ersten Mal ihre Bereitschaft, ihr die Stadt zu zeigen. Sie wäre schon mal hier gewesen. Ich auch, dachte sie. Aber sie hatte keine Lust, das zu erwähnen. Das würde nur dazu führen, dass sie über die Vergangenheit sprechen müsste. Und das wollte sie nicht. Nicht hier. Nicht heute. Nicht an diesem Ort. Außerdem würde Regina dann darauf bestehen, dass sie über den Weg entschied. Schließlich war es ihre Reise und sie, Regina, war nur ihre Begleiterin. Sie würde das tun. Später, an anderen Orten. Sie würde ihren eigenen Weg gehen, was immer Regina davon halten mochte. Aber heute war es das Einfachste, Regina widerspruchslos zu folgen. Später am Nachmittag: Der Weg, den die andere durch die Stadt gezogen hatte, war überraschend vernünftig gewesen. Sie hatten eine Menge gesehen. Regina hatte gut erklärt. Sie hatten auch angemessene Pausen eingelegt. Und sie waren schließlich rechtzeitig wieder am Schiff gewesen, ohne sich beeilen zu müssen. Oder, was noch schlimmer gewesen wäre, die kostbare Zeit verschwendet zu haben. Sie war müde, aber sie fühlte sich zufriedener, als sie es für möglich gehalten hätte. Sie war durch die Stadt geschlendert, als wäre es das erste Mal. Keine Erinnerung hatte sich zwischen sie und diesen sonnigen Tag gedrängt. Als sie vor der Kirche auf dem Hügel standen und die Stadt im winterlichen Sonnenschein unter sich liegen sahen, hatte sie zum ersten Mal ein leises Kribbeln gespürt, so, als ob nun tatsächlich ein Abenteuer begänne. Und vielleicht sogar, als ob sie sich auf dieses Abenteuer freuen dürfte. Zurück an Bord ließ sie sich von Regina überreden, den Spa-Bereich zu erkunden. Die Sauna war bereits gut besucht. Auch für die Sprudelbecken gab es eine gewisse Warteschlange. Der Fitnessraum gefiel ihr am besten. Mit Aussicht in Fahrtrichtung! Hier könnte sie sich. Auf der Laufmaschine. Oder auf dem Fahrrad, Einbilden, das Schiff ganz alleine anzutreiben. Versuchte Regina einen Scherz zu machen. Sie könnten sich auch gleich für die Massage anmelden, die ihnen zustand. Und anschließend beim Friseur schön machen lassen. Für sie war das alles zu viel. Für den Anfang. Aber sie gab gern zu, dass die Einrichtungen ganz in Ordnung wären. Und natürlich grüßte jeder freundlich! Wenn endlich einmal einer missmutig wäre, es würde sie fast trösten! Aber ihr Kellner sich beim Dinner zu ihr herunterbeugte, um nach ihren Wünschen zu fragen, und seine Augen die ihren einen Moment zu lange hielten, fühlte sie sich auf einmal selbst lächeln. Was sie doch gar nicht wollte. Jedenfalls nicht für das Personal. 1. Tag: Mang Nun also eine neue Tour. Und was für eine! Nicht das Übliche: fünf Tage ‚Das westliche Mittelmeer‘, zehn Tage ‚Das östliche Mittelmeer‘. Gesichter, Gesichter, Gesichter. Einige, bei denen man es kaum erwarten konnte, dass sie wieder verschwänden. Andere, die man gern gekannt hätte, wenn die Dinge nur anders lägen. Aber er verstand schon: Für die meisten war er nur Teil der Kulisse. Eigentlich mochte er, was er tat. Er sah etwas von der Welt. Nicht, weil er häufig vom Schiff kam. Das war es gar nicht. Vielmehr kam die Welt zu ihm. Außerdem ernährte, kleidete und bildete es seine Söhne. Die sollten es eines Tages besser haben als er. Sie würden nicht dienen müssen. Wie ihr Vater. Sie würde er nicht übers Meer schicken müssen. Während er sich anzog, dachte er über seine nächste ‚spezielle Person‘ nach. Auf jeder Tour fand er einen Mann oder eine Frau, auf die er sich konzentrieren konnte. Damit er nicht das Gefühl verlor, selbst ein Mensch zu sein. Seine Opfer wären überrascht, würden sie mitbekommen, was er nach kurzer Zeit bereits alles über sie wusste. Wie gut er sie kannte. Aber für die Gäste war das Personal eben nur weißes Rauschen. Und so verhielten sie sich am Tisch und untereinander völlig unbefangen. Oder auch hemmungslos. Freundlich. Oder übel. Er bevorzugte freundliche Menschen. Er wollte Zuneigung fühlen. Nicht wachsenden Abscheu. Aber zu einfach sollten sie es ihm auch nicht machen. Dumme Menschen waren für ihn schlimmer als böse. Böse konnten wenigstens noch interessant sein. Dummheit machte nur blass, klein und eng. Auch mochte er schöne Menschen. Aber er war sich bewusst, dass seine Sicht auf die Dinge von seiner Herkunft geprägt wurde. Was in Bali als schön galt, war keine Frage. Unter seinen eigenen Leuten war selbstverständlich, was dem Auge gut tat und was es beleidigte. Aber seine Art von Leuten würde noch lange nicht auf einem solchen Schiff als Gäste auftauchen. So hatte er sich allmählich an fremde Gesichter gewöhnt. Was aber war ein schönes europäisches Gesicht? Anfangs hatte er große Schwierigkeiten gehabt, Europäer überhaupt auseinander zu halten. Um einzelne zu identifizieren, hatte er sich mehr an der Kleidung orientiert als an den Gesichtern. Sie waren ihm fremd. Und sie blieben es. Obwohl er jetzt schneller entscheiden konnte, wessen Gesicht ihm angenehm erschien, und welches er verachtete. Seine jeweiligen Freundinnen an Bord dienten. Wie er. Sie kamen in der Regel aus seinem Land, wenn auch niemals von seiner Insel. Es machte die Verständigung einfacher und schloss doch größere Konflikte aus. Obwohl seine Frau sich wohl keine Illusionen machte. Sie sprachen einfach nicht darüber. Er versorgte sie und die Kinder und ermöglichte seiner Familie ein Leben, das vergleichsweise sorgenfrei war. Dafür fragte sie nicht, was in den vielen Monaten geschah, in denen er abwesend war. Sein Dienst begann mit dem Frühstück. Heute waren die Gäste noch neu und aufgeregt. In ein paar Tagen würden sie sich auskennen. Dann würde sich zeigen, wer erträglich war und wen man vermeiden sollte. Die meisten kamen als Paare. Das war immer so. Aber auf kürzeren Touren war der Durchschnitt jünger und es gab häufiger Familien, mit Kindern oder auch Freundesgruppen. Aber auf diese mehrmonatige Reise um die Welt. Die man nur machen konnte, wenn man viel Zeit hatte. Kamen wahrscheinlich nur die, die das Leben schon fast hinter sich hatten. Sie kamen als Paar oder als Einzelne. Sie suchten Kontakt oder hofften darauf. Oder sie wollten vor allem in Ruhe gelassen werden. An einem Tisch, der zu seinem Revier gehörte, saßen zwei Frauen, die aber nicht auf ihre Partner zu warten schienen. Eine Frau mit einer grauen Strähne im dunklen, kurz geschnittenen Haar. Die andere hatte lange, glatte Haare. Wie eine Haube, die ihren Kopf einschloss, im Nacken zusammengebunden. Dieses Haar leuchtete. Silbern. War sie schön? Er studierte ihr Gesicht. Es war seltsam. Alterslos. Obwohl sie sicher älter war. Aber da war etwas in diesem Gesicht. Lovely. Lieblich. Fiel ihm ein. Als könnte man gleichzeitig das staunende Kind, die selbstbewusste Erwachsene und die trauernde Alte erkennen. Ihre Züge waren zart. Von der Zartheit, die auch im Alter nicht grober werden würde. Überhaupt war sie klein und zart. Von weitem hätte man sie für ein viel jüngeres Mädchen halten können. Die Dunkle dagegen. Sie war der Typ von Frau, der ihm nun schon gut bekannt war. Sie hatte ein Teil des Lebens hinter sich. Und damit abgeschlossen. Nun war sie alt. Und fand das in Ordnung. Die Dinge hatten nun vor allem praktisch zu sein. Nicht mehr anziehend zu wirken. Sie hatte sich mit allem abgefunden: Ihrem Gewicht, ihren Falten, ihren schmerzenden Knien. Er mochte solche Frauen. Sie waren meist realistisch in ihren Erwartungen und dankbar für jede Freundlichkeit und Beachtung. Schwestern vielleicht? Obwohl sie sich überhaupt nicht ähnlich waren. Vielleicht aber auch ein Paar. Ein Liebespaar? So etwas war ihm immer noch fremd. Sogar ein wenig unheimlich. Aber er hatte akzeptiert, dass es auch solche Paare gab. Sonst hätte er seinen Job nicht machen können. Die Dunkle strahlte und plapperte in einer Sprache, von der er nur die Worte verstand, die mit seinem Dienst zu tun hatten. Die Silberne starrte vor sich hin. Ernst. Nein, das war mehr als Ernst. Das war Traurigkeit. Traurig am ersten Tag einer solchen Reise? Was wollte sie dann hier an Bord? Jetzt drehte sich die Silberne zu ihm um und ihre Augen trafen sich. Sie sah ihn an, als ob sie ihn tatsächlich sehen könnte. Vielleicht war sie eine Kandidatin für eine ‚spezielle‘ Person? Jetzt hob sie ihre Hand. Er eilte zur ihr, beugte sich zu ihr herunter und verstand, dass sie einen Kaffee wollte. Dabei roch er ihren Duft aus Haut und Süße. Pfirsich? Dieser frische Duft passte nicht wirklich zu ihr. Nicht zu diesem traurigen Gesicht. Aber das konnte er ihr natürlich nicht sagen. Sie würde nun Mahlzeit für Mahlzeit an diesem Tisch sitzen und er würde sie bedienen. Sie käme sicher als spezielle Person in Frage. Er war sich nun sicher: sie war das, was man ‚schön‘ nennen könnte. Aber sie war zu traurig. Vielleicht war sie deshalb interessant? Aber er musste noch abwarten. Vielleicht war sie auch nur dumm. Dumm würde er sie nicht haben wollen.
Die Liebe Die Seuche Das Meer - Leseprobe
Renate Dietrich
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1. Tag: Sophia Erst waren da fremde Geräusche. Dann ein plötzlicher Ruck. Sie öffnete langsam die Augen. Sie wusste nicht, wo sie war. Wer lag dort? In dem anderen Bett? Zuerst dachte sie ‚Daniel‘. Beruhigt. Aber dann fiel ihr ein, dass es Daniel nicht mehr gab. Sein Sarg war in die ausgehobene Grube heruntergelassen worden. Es war das letzte, was sie von ihm gesehen hatte. Und das war das schwarze Loch, in das sie jedes Mal stürzte. Wenn sie sich erinnerte. Was sie ständig tat. Ohne je den Grund zu erreichen. Dann erinnerte sie sich: Das war Regina! Die in dem anderen Bett. Eine Freundin. Sie kannten sich schon so lange, da konnte man nicht mehr gut ‚Bekannte‘ sagen, obwohl sie ihr nie wirklich nahegestanden hatte. Warum nur hatte sie sie mitgenommen? Sie mochte sie noch nicht einmal besonders. Die Antwort war einfach: Regina war verfügbar gewesen. Sie war niemandem verpflichtet. Lebte allein. Im Vorruhestand. Kultiviert genug. Deshalb hatte sie sie schließlich gefragt, als sie beschlossen hatte, Pläne weiter zu verfolgen, die doch keinen Sinn mehr hatten. Auch sie war jetzt allein. Deshalb passte es. Aber Daniel. Und sie. Das war ihr ganzes Leben gewesen. Sie war eine Ehefrau. Und würde immer eine bleiben. Tief drinnen. Während Regina immer Single gewesen war. Soweit sie wusste. Sie hatte sicher Beziehungen gehabt. Früher einmal. Jeder verliebte sich doch irgendwann. Gab es nicht in jedem Leben wenigstens einen Moment, wo ewige Liebe möglich zu sein schien? Aber irgendwie hatte es keine von Reginas Beziehungen jemals zum ‚Wir‘ und ‚Uns‘ gebracht. Wenigstens soweit sie wusste. Geschichte. Immerhin wusste sie eine Menge. Über Vieles. Auch deshalb hatte sie sie gefragt, ob sie mit- kommen wollte. Nein, nichts an Regina war jemals ausgesprochen unerträglich gewesen, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Eher im Gegenteil: sie war stets bemüht gewesen. Viel zu sehr bemüht. Sie wollte es immer allen recht machen. Genau das machte sie manchmal so schwer erträglich. Als sie sie schließlich gefragt hatte, nachdem jeder andere abgelehnt hatte, war diese begeistert gewesen, obwohl sie doch wissen musste, dass sie nicht die erste Wahl war. Hatte sie so überschwänglich reagiert, weil sie überhaupt an sie gedacht hatte? Sie hätte wahrscheinlich genauso begeistert zugestimmt, wenn sie sie gefragt hätte, ob sie mit ihr untergehen wollte. Sie hatte keinerlei Absicht unterzugehen. Heutzutage ging man nicht mehr unter. Man ging auch nicht mehr über Bord. Jedenfalls nicht aus Versehen. Absichtlich? Aber das hatte sie nicht vor! Es wird die Reise unseres Lebens. Hatte ihr Daniel versichert, als er noch an das Leben geglaubt hatte. Erst dieser Höhepunkt. Später dann das Ende. Irgendwann. Nur dass er die Reihenfolge verwechselt hatte! Sie musterte die Schlafende mit Widerwillen. Aber die Vorstellung, dass das andere Bett monatelang leer und unberührt sein würde, jeden Morgen aufs Neue, war noch viel unerträglicher gewesen. So musste sie sich wohl damit abfinden, dass nun Regina dort lag. Und fest und selig schlief. Wann sie wohl aufwachen würde? Später. Im Restaurant. Beim Frühstück. Sollte sie ihr noch einen Kaffee holen? Nein, Regina, dazu sind diese Leute da. Sie sah sich um. Da stand einer von denen. Mit weißem Hemd und schwarzer Weste. Es gab ein ganzes Heer davon. Sie waren da, um sie zu bedienen. Sie interessierten sie nicht. Dieser stand da und sah sie nachdenklich an. Hatte er sie schon die ganze Zeit beobachtet? Noch ehe sie die Hand richtig gehoben hatte, war er schon neben ihr und beugte sich zu ihr herunter. Er kam ihr viel zu nah. Und er lächelte! Hier lächelten alle. Ständig. Oder sie lachten. Es ärgerte sie fast so wie Reginas Bereitschaft, immerzu etwas für sie zu tun. Einen Kaffee, schwarz, ohne Milch, ohne Zucker! Bitte! Sonst nichts! Und schon gar kein mitleidiges Lächeln. Von wo das Schiff angelegt hatte, konnte man Marseille nur ahnen und sah nichts von seiner Schönheit. Falls man überhaupt von Schönheit sprechen konnte. Ihre Erinnerungen an diesen Ort waren keine positiven: sie hatte vor langer, langer Zeit einmal auf der Insel in der Mitte der Bucht viel zu lange auf ein Boot warten müssen. Unter einer unbarmherzigen glühenden Sonne. Außerdem war ihr damals erbärmlich schlecht gewesen. Im Shuttlebus zum Zentrum erklärte ihr Regina nicht zum ersten Mal ihre Bereitschaft, ihr die Stadt zu zeigen. Sie wäre schon mal hier gewesen. Ich auch, dachte sie. Aber sie hatte keine Lust, das zu erwähnen. Das würde nur dazu führen, dass sie über die Vergangenheit sprechen müsste. Und das wollte sie nicht. Nicht hier. Nicht heute. Nicht an diesem Ort. Außerdem würde Regina dann darauf bestehen, dass sie über den Weg entschied. Schließlich war es ihre Reise und sie, Regina, war nur ihre Begleiterin. Sie würde das tun. Später, an anderen Orten. Sie würde ihren eigenen Weg gehen, was immer Regina davon halten mochte. Aber heute war es das Einfachste, Regina widerspruchslos zu folgen. Später am Nachmittag: Der Weg, den die andere durch die Stadt gezogen hatte, war überraschend vernünftig gewesen. Sie hatten eine Menge gesehen. Regina hatte gut erklärt. Sie hatten auch angemessene Pausen eingelegt. Und sie waren schließlich rechtzeitig wieder am Schiff gewesen, ohne sich beeilen zu müssen. Oder, was noch schlimmer gewesen wäre, die kostbare Zeit verschwendet zu haben. Sie war müde, aber sie fühlte sich zufriedener, als sie es für möglich gehalten hätte. Sie war durch die Stadt geschlendert, als wäre es das erste Mal. Keine Erinnerung hatte sich zwischen sie und diesen sonnigen Tag gedrängt. Als sie vor der Kirche auf dem Hügel standen und die Stadt im winterlichen Sonnenschein unter sich liegen sahen, hatte sie zum ersten Mal ein leises Kribbeln gespürt, so, als ob nun tatsächlich ein Abenteuer begänne. Und vielleicht sogar, als ob sie sich auf dieses Abenteuer freuen dürfte. Zurück an Bord ließ sie sich von Regina überreden, den Spa-Bereich zu erkunden. Die Sauna war bereits gut besucht. Auch für die Sprudelbecken gab es eine gewisse Warteschlange. Der Fitnessraum gefiel ihr am besten. Mit Aussicht in Fahrtrichtung! Hier könnte sie sich. Auf der Laufmaschine. Oder auf dem Fahrrad, Einbilden, das Schiff ganz alleine anzutreiben. Versuchte Regina einen Scherz zu machen. Sie könnten sich auch gleich für die Massage anmelden, die ihnen zustand. Und anschließend beim Friseur schön machen lassen. Für sie war das alles zu viel. Für den Anfang. Aber sie gab gern zu, dass die Einrichtungen ganz in Ordnung wären. Und natürlich grüßte jeder freundlich! Wenn endlich einmal einer missmutig wäre, es würde sie fast trösten! Aber ihr Kellner sich beim Dinner zu ihr herunter- beugte, um nach ihren Wünschen zu fragen, und seine Augen die ihren einen Moment zu lange hielten, fühlte sie sich auf einmal selbst lächeln. Was sie doch gar nicht wollte. Jedenfalls nicht für das Personal. 1. Tag: Mang Nun also eine neue Tour. Und was für eine! Nicht das Übliche: fünf Tage ‚Das westliche Mittelmeer‘, zehn Tage ‚Das östliche Mittelmeer‘. Gesichter, Gesichter, Gesichter. Einige, bei denen man es kaum erwarten konnte, dass sie wieder verschwänden. Andere, die man gern gekannt hätte, wenn die Dinge nur anders lägen. Aber er verstand schon: Für die meisten war er nur Teil der Kulisse. Eigentlich mochte er, was er tat. Er sah etwas von der Welt. Nicht, weil er häufig vom Schiff kam. Das war es gar nicht. Vielmehr kam die Welt zu ihm. Außerdem ernährte, kleidete und bildete es seine Söhne. Die sollten es eines Tages besser haben als er. Sie würden nicht dienen müssen. Wie ihr Vater. Sie würde er nicht übers Meer schicken müssen. Während er sich anzog, dachte er über seine nächste ‚spezielle Person‘ nach. Auf jeder Tour fand er einen Mann oder eine Frau, auf die er sich konzentrieren konnte. Damit er nicht das Gefühl verlor, selbst ein Mensch zu sein. Seine Opfer wären überrascht, würden sie mitbekommen, was er nach kurzer Zeit bereits alles über sie wusste. Wie gut er sie kannte. Aber für die Gäste war das Personal eben nur weißes Rauschen. Und so verhielten sie sich am Tisch und untereinander völlig unbefangen. Oder auch hemmungslos. Freundlich. Oder übel. Er bevorzugte freundliche Menschen. Er wollte Zuneigung fühlen. Nicht wachsenden Abscheu. Aber zu einfach sollten sie es ihm auch nicht machen. Dumme Menschen waren für ihn schlimmer als böse. Böse konnten wenigstens noch interessant sein. Dummheit machte nur blass, klein und eng. Auch mochte er schöne Menschen. Aber er war sich bewusst, dass seine Sicht auf die Dinge von seiner Herkunft geprägt wurde. Was in Bali als schön galt, war keine Frage. Unter seinen eigenen Leuten war selbstverständlich, was dem Auge gut tat und was es beleidigte. Aber seine Art von Leuten würde noch lange nicht auf einem solchen Schiff als Gäste auftauchen. So hatte er sich allmählich an fremde Gesichter gewöhnt. Was aber war ein schönes europäisches Gesicht? Anfangs hatte er große Schwierigkeiten gehabt, Europäer überhaupt auseinander zu halten. Um einzelne zu identifizieren, hatte er sich mehr an der Kleidung orientiert als an den Gesichtern. Sie waren ihm fremd. Und sie blieben es. Obwohl er jetzt schneller entscheiden konnte, wessen Gesicht ihm angenehm erschien, und welches er verachtete. Seine jeweiligen Freundinnen an Bord dienten. Wie er. Sie kamen in der Regel aus seinem Land, wenn auch niemals von seiner Insel. Es machte die Verständigung einfacher und schloss doch größere Konflikte aus. Obwohl seine Frau sich wohl keine Illusionen machte. Sie sprachen einfach nicht darüber. Er versorgte sie und die Kinder und ermöglichte seiner Familie ein Leben, das vergleichsweise sorgenfrei war. Dafür fragte sie nicht, was in den vielen Monaten geschah, in denen er abwesend war. Sein Dienst begann mit dem Frühstück. Heute waren die Gäste noch neu und aufgeregt. In ein paar Tagen würden sie sich auskennen. Dann würde sich zeigen, wer erträglich war und wen man vermeiden sollte. Die meisten kamen als Paare. Das war immer so. Aber auf kürzeren Touren war der Durchschnitt jünger und es gab häufiger Familien, mit Kindern oder auch Freundesgruppen. Aber auf diese mehrmonatige Reise um die Welt. Die man nur machen konnte, wenn man viel Zeit hatte. Kamen wahrscheinlich nur die, die das Leben schon fast hinter sich hatten. Sie kamen als Paar oder als Einzelne. Sie suchten Kontakt oder hofften darauf. Oder sie wollten vor allem in Ruhe gelassen werden. An einem Tisch, der zu seinem Revier gehörte, saßen zwei Frauen, die aber nicht auf ihre Partner zu warten schienen. Eine Frau mit einer grauen Strähne im dunklen, kurz geschnittenen Haar. Die andere hatte lange, glatte Haare. Wie eine Haube, die ihren Kopf einschloss, im Nacken zusammengebunden. Dieses Haar leuchtete. Silbern. War sie schön? Er studierte ihr Gesicht. Es war seltsam. Alterslos. Obwohl sie sicher älter war. Aber da war etwas in diesem Gesicht. Lovely. Lieblich. Fiel ihm ein. Als könnte man gleichzeitig das staunende Kind, die selbstbewusste Erwachsene und die trauernde Alte erkennen. Ihre Züge waren zart. Von der Zartheit, die auch im Alter nicht grober werden würde. Überhaupt war sie klein und zart. Von weitem hätte man sie für ein viel jüngeres Mädchen halten können. Die Dunkle dagegen. Sie war der Typ von Frau, der ihm nun schon gut bekannt war. Sie hatte ein Teil des Lebens hinter sich. Und damit abgeschlossen. Nun war sie alt. Und fand das in Ordnung. Die Dinge hatten nun vor allem praktisch zu sein. Nicht mehr anziehend zu wirken. Sie hatte sich mit allem abgefunden: Ihrem Gewicht, ihren Falten, ihren schmerzenden Knien. Er mochte solche Frauen. Sie waren meist realistisch in ihren Erwartungen und dankbar für jede Freundlichkeit und Beachtung. Schwestern vielleicht? Obwohl sie sich überhaupt nicht ähnlich waren. Vielleicht aber auch ein Paar. Ein Liebespaar? So etwas war ihm immer noch fremd. Sogar ein wenig unheimlich. Aber er hatte akzeptiert, dass es auch solche Paare gab. Sonst hätte er seinen Job nicht machen können. Die Dunkle strahlte und plapperte in einer Sprache, von der er nur die Worte verstand, die mit seinem Dienst zu tun hatten. Die Silberne starrte vor sich hin. Ernst. Nein, das war mehr als Ernst. Das war Traurigkeit. Traurig am ersten Tag einer solchen Reise? Was wollte sie dann hier an Bord? Jetzt drehte sich die Silberne zu ihm um und ihre Augen trafen sich. Sie sah ihn an, als ob sie ihn tatsächlich sehen könnte. Vielleicht war sie eine Kandidatin für eine ‚spezielle‘ Person? Jetzt hob sie ihre Hand. Er eilte zur ihr, beugte sich zu ihr herunter und verstand, dass sie einen Kaffee wollte. Dabei roch er ihren Duft aus Haut und Süße. Pfirsich? Dieser frische Duft passte nicht wirklich zu ihr. Nicht zu diesem traurigen Gesicht. Aber das konnte er ihr natürlich nicht sagen. Sie würde nun Mahlzeit für Mahlzeit an diesem Tisch sitzen und er würde sie bedienen. Sie käme sicher als spezielle Person in Frage. Er war sich nun sicher: sie war das, was man ‚schön‘ nennen könnte. Aber sie war zu traurig. Vielleicht war sie deshalb interessant? Aber er musste noch abwarten. Vielleicht war sie auch nur dumm. Dumm würde er sie nicht haben wollen.