Kapitel 1
Wir haben dann doch das Vaporetto nach San Michele genommen, der Insel, auf der
Venedig seine Toten bestattet. Der Beerdigungsunternehmer hatte uns natürlich
angeboten, uns mit dem offiziellen Trauerboot hinüber zu fahren. Wir hätten das
Angebot vielleicht angenommen, wenn es sich nicht nur um eine schlichte
Urnenbeisetzung gehandelt hätte.
In Schwarz mit Schleier auf einem offenen Boot hinter einem blumengeschmückten
Sarg fast lautlos dahinzuziehen, wäre eine sehr venezianische Art stiller Trauer
gewesen. Öffentlich mit einem kleinen Blumenstrauß hinter einer einfachen Urne zu
stehen, wäre uns dagegen absurd vorgekommen.
Wenn in Venedig eines dieser Trauerboot an einem vorbeigleitet, hält man
automatisch inne. Man senkt den Kopf und denkt einen Moment über das Leben und
den Tod nach. Ältere Frauen bekreuzigen sich vielleicht noch traditionell, die wenigen
Herren, die noch Hüte tragen, nehmen diese ab und halten sie kurz vor die Brust. Der
Rest von uns ist einfach nur für einen Augenblick betroffen.
Eine Prozession durch die Stadt konnten wir Paolo leider nicht bieten. Nach seinem
Tod stellte sich heraus, dass sein einziges Bankkonto geradezu auf ‚Null‘ stand und der
Rest auch nicht viel Wert hatte. Also suchten wir erst einmal nach möglichen
Verwandten. Schließlich fanden wir eine Kusine, die uns bestätigte, dass es außer ihr
wohl niemanden mehr gäbe, der für die Beerdigung aufkommen könnte. Aber auch
diese Kusine war nicht in der Lage, die Beerdigung zu bezahlen, weil sie durch die
Seuche ihren Lebensunterhalt verloren hatte und jetzt selbst von Sozialhilfe leben
muss.
Also haben Angelo und ich die Planung und die Kosten der Beerdigung übernommen.
Paolo war nicht nur einige Jahre unser Nachbar, zum Schluss war er sogar einer
unserer Mieter. Wir fanden, wir wären es ihm schuldig. Er hat jahrelang den Garten
gepflegt, hat kleinere Reparaturen im Haus erledigt, hat uns in Notlagen unterstützt und
hat im Übrigen ein recht zurückgezogenes Leben geführt. Und ganz zum Schluss ist er
doch noch der Covid-Seuche zum Opfer gefallen, obwohl wir und alle Welt davon
ausgegangen waren, dass dieser Schrecken nun endlich vorüber wäre.
Bei der großen Überschwemmung im Herbst 2019 hatte er sich eine schwere
Lungenentzündung zugezogen, weil er viel zu lange im Wasser gestanden hat, um zu
retten, was noch zu retten war. Davon hatte er sich nie wirklich erholt, obwohl er nur
selten klagte. Weil er wohl wusste, wie angeschlagen er war, hat er alle Covid-Regeln
strikt befolgt und hatte sich sofort impfen lassen, sobald dies möglich war. Und nun ist
er doch noch daran gestorben, ein spätes Opfer der Seuche, aber auch des letzten
gewaltigen Hochwassers.
Lucilla de Luca hat sich einmal mehr bereit erklärt, auf unsere Kinder aufzupassen.
So konnten wir beide an der Beisetzung teilnehmen. Auch ihr Mann Silvio begleitete
uns. Die de Lucas wohnen zwar erst seit kurzem in unserer früheren Wohnung im
dritten Stock. Aber natürlich sind sie Verwandte und Freunde der D‘Estes. Damit
nehmen sie im Haus nun eine ähnliche Zwischenstellung ein, wie wir früher, als wir
sowohl Mieter, als auch Verwandte und Freunde unserer lieben Vermieterin, der
Signora D’Este, waren.
Auch einige Nachbarn aus unserem und aus dem Nachbarhaus begleiten uns auf
unserem traurigen Weg. Auf dem Friedhof treffen wir Paolos Kusine und drei weitere
Trauernde, unter ihnen zu meiner größten Überraschung den Polizisten Marino. Als
Sovrintendente bei der Staatspolizei durchsuchte Marino zusammen mit einem
Ispettore und Silvio de Luca, der noch ein Agente war, vor drei Jahren unsere
Wohnung, weil aus einer Kirche ein Bild verschwunden war und Angelo verdächtigt
wurde, es gestohlen zu haben.
Damals, bei dieser polizeilichen Durchsuchung, hatten wir Paolo als neutralen
Zeugen dazu gebeten. Von Anfang an war offensichtlich gewesen, dass sich Paolo und
dieser Marino kannten und sich mit einer Art intensiver, aber achtungsvoller Aversion
begegneten. Paolo hatte uns hinterher nur erklärt, er kenne den Marino von früher und
der wäre ein Idiot.
Und jetzt steht derselbe Marino unter den Trauernden vor der Nische, in die Paolos
Urne eingestellt wird, hält eine weiße Rose in der Hand und scheint mit den Tränen zu
kämpfen.
Nach der Zeremonie versammeln wir uns noch einmal für einen Händedruck am
Eingangsportal. Ich sehe, dass Silvio mit Marino spricht, ihm sogar die Hand auf die
Schulter legt, und dass Marino sich wohl eine Träne abwischt. Aber das kann auch an
dem kühlen Wind liegen, der vom Meer hereinweht und uns alle dazu treibt, eilig zurück
in den Schutz der Stadt zu kommen.
Auf dem Weg nach Hause frage ich Silvio leise, ob er wüsste, warum sein Kollege zur
Beerdigung gekommen wäre. Silvio nickt traurig und erklärt, dass er es schließlich
gewesen wäre, der Marino von Paolos Tod verständigt hätte. Sie hätten sich wohl
einmal geliebt. Geliebt? Unser Paolo und dieser Marino? Ich bin fassungslos.
Silvio zuckt nur mit den Schultern. Es wäre wohl eine große Liebe gewesen und die
beiden hätten sogar eine Weile zusammengelebt. Schließlich hätten sie sich aber
zerstritten und Paolo wäre weggezogen. Bei der Haussuchung bei uns wären sie sich
dann zum ersten Mal wieder begegnet.
Bedeutet das, dass Paolo schwul war? „War er“, bestätigt Silvio. „Es war wohl früher
schwieriger als heute. Deshalb hat er es nie an die große Glocke gehängt. Aber Ennio
Marino hat mir schon damals anvertraut, woher er Paolo kannte. Und er hat immer mit
großer Zärtlichkeit über ihn gesprochen. Paolo war wohl seine erste große Liebe und
sein erstes gebrochenes Herz. So etwas vergisst man nie. Aber komisch, dass du das
nicht gewusst hast!?!“
Nein, das habe ich nicht gewusst. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob
Paolo Frauen oder Männer bevorzugt. Ich habe überhaupt nicht über sein Liebesleben
nachgedacht. Er lebte allein und es schien ihm so zu gefallen. Er war Teil unseres
Hauses, unserer Welt. Er hat uns geholfen, wenn wir Hilfe brauchten. Sonst hat er uns
in Ruhe gelassen. Und wir ihn.
Gestritten haben wir höchstens einmal darüber, welche Spuren unsere Kinder in dem
Garten hinterlassen durften, den er im Grunde als sein Eigentum betrachtete. Ob er
glücklich war oder nicht, ob er sich einsam fühlte oder ob er Freunde hatte, das alles
habe ich ihn nie gefragt. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass ich ihn danach hätte
fragen können.
In den Tagen nach der Beerdigung nehmen wir uns Paolos Wohnung vor. Wir haben
die Kusine gebeten, dazuzukommen und sich auszusuchen, was sie von seinen
Sachen behalten will. Wir haben ihr auch zugesichert, den Transport zu organisieren,
denn das ist in Venedig natürlich immer ein Problem. Keiner von uns kann sich ein
eigenes Boot leisten, also muss für alles, was größer als eine Kiste ist, die man selbst
tragen kann, irgendwoher ein Boot organisiert werden, und das kann manchmal ganz
schön schwierig werden.
Während wir also auf die Kusine warten, räumen wir auf, leeren und putzen den
Kühlschrank aus, beseitigen, was offensichtlich Abfall ist, waschen die Wäsche, obwohl
die wahrscheinlich sowieso keiner mehr brauchen kann, und scheuern die Böden, so
dass die Wohnung ordentlich und sauber wirkt, als die Kusine schließlich eintrifft.
Nicht, dass Paolo seine Umgebung hätte verkommen lassen. Er war auf eine
männliche Weise durchaus auf seine Sachen bedacht, aber dann ist er krank geworden
und es ist ihm von Tag zu Tag schlechter gegangen. Da ist wohl vieles liegen
geblieben, Lebensmittel sind im Kühlschrank verkommen und anscheinend hat auch
eine Mäusefamilie ihren Weg in die verlassene Wohnung gefunden.
Nun kann die Kusine seine wenigen Möbel, sein Geschirr und seine Wäsche
wenigstens in Augenschein nehmen, ohne sich ekeln zu müssen. Wir einigen uns mit
ihr darauf, dass sie uns die Gartengeräte und Paolos Werkzeuge überlässt, mit denen
sie sowieso nichts anfangen kann, und wir ihr dafür den großen Schrank aus dem
Schlafzimmer bringen lassen, sowie den Esstisch und die vier dazugehörenden Stühle.
Sie hilft uns, einige Kisten mit Geschirr, Büchern und Bildern zu packen, die sie
ebenfalls behalten möchte. Wie zu erwarten, bittet sie uns, die Kleidung und die
Wäsche von Paolo wegzuwerfen, weil damit wirklich niemand etwas anfangen kann.
Aber ehe wir die Säcke packen, gehen wir doch noch einmal sämtliche Hosen-, Jacken-
und Manteltaschen durch und tatsächlich finden wir darin einiges Kleingeld und auch
ein paar Geldscheine, kein Vermögen, aber immerhin ein unerwartetes kleines Erbe für
die Kusine, der es finanziell wirklich nicht gut geht.
Wir arbeiten, bis es dunkel wird, dann holen wir unsere Kinder bei Lucilla ab und
laden die Kusine in die Pizzeria um die Ecke ein. Nachdem wir nun fast drei Jahre
eingesperrt und isoliert gelebt haben, ist es jedes Mal ein Fest, wieder etwas tun zu
können, was uns an die Normalität vor der Seuche erinnert, selbst wenn es nur ein
Abend in einem schlichten Lokal um die Ecke herum ist.
Natürlich reden wir vor allem über Paolo. Es ist ja so etwas wie sein Leichenschmaus.
Aber wir merken schnell, dass die Kusine gar nicht viel über ihn weiß, außer der
Tatsache, dass er schwul war. Sie scheint erleichtert zu sein, dass wir das wissen und
darüber absolut nicht schockiert sind. In der Familie scheint es deshalb große Probleme
gegeben zu haben, was erklären könnte, warum Paolo kaum Kontakt zu seinen
Verwandten hatte.
Unser Sohn Luigi beteiligt sich lebhaft an unserer Unterhaltung. Paolo war schließlich
ein spezieller Freund von ihm, auch wenn es manchmal Stress wegen der
Reifenspuren im Gras gab. Er hütet immer noch eine abgeschliffene grüne Scherbe, die
ihm Paolo einmal geschenkt hat, und die er lange ‚seinen Schatz‘ nannte, bis er sich
damit abfinden musste, dass es sich nicht um einen echten Edelstein handelte. Er ist
nun seit einem halben Jahr in der Schule und damit endlich wieder unter Gleichaltrigen.
So hat auch er endlich etwas zu erzählen, wenn er nach Hause kommt. Er ist dadurch
wieder viel gesprächiger geworden.
Unsere kleine Alva kaut derweilen still und fröhlich auf den Pizzastücken herum, die
Angelo ihr zurechtgeschnitten hat. Sie ist fast genauso alt wie Luigi es war, als Paolo
ihm die grüne Scherbe schenkte. Für sie war Paolo eine Selbstverständlichkeit ihres
Lebens, aber natürlich hat sie noch keine Vorstellung vom Tod und vom endgültigen
Abschied. Sie ist einfach nur glücklich, dass wir alle um sie herum sind, und dass es in
der gemeinsamen Trauer um unseren Freund zur Abwechslung einmal keine
Spannungen zwischen uns gibt.