© Renate Dietrich
Renate Dietrich
Verborgenes - Leseprobe
Kapitel 1 Wir haben dann doch das Vaporetto nach San Michele genommen, der Insel, auf der Venedig seine Toten bestattet. Der Beerdigungsunternehmer hatte uns natürlich angeboten, uns mit dem offiziellen Trauerboot hinüber zu fahren. Wir hätten das Angebot vielleicht angenommen, wenn es sich nicht nur um eine schlichte Urnenbeisetzung gehandelt hätte. In Schwarz mit Schleier auf einem offenen Boot hinter einem blumengeschmückten Sarg fast lautlos dahinzuziehen, wäre eine sehr venezianische Art stiller Trauer gewesen. Öffentlich mit einem kleinen Blumenstrauß hinter einer einfachen Urne zu stehen, wäre uns dagegen absurd vorgekommen. Wenn in Venedig eines dieser Trauerboot an einem vorbeigleitet, hält man automatisch inne. Man senkt den Kopf und denkt einen Moment über das Leben und den Tod nach. Ältere Frauen bekreuzigen sich vielleicht noch traditionell, die wenigen Herren, die noch Hüte tragen, nehmen diese ab und halten sie kurz vor die Brust. Der Rest von uns ist einfach nur für einen Augenblick betroffen. Eine Prozession durch die Stadt konnten wir Paolo leider nicht bieten. Nach seinem Tod stellte sich heraus, dass sein einziges Bankkonto geradezu auf ‚Null‘ stand und der Rest auch nicht viel Wert hatte. Also suchten wir erst einmal nach möglichen Verwandten. Schließlich fanden wir eine Kusine, die uns bestätigte, dass es außer ihr wohl niemanden mehr gäbe, der für die Beerdigung aufkommen könnte. Aber auch diese Kusine war nicht in der Lage, die Beerdigung zu bezahlen, weil sie durch die Seuche ihren Lebensunterhalt verloren hatte und jetzt selbst von Sozialhilfe leben muss. Also haben Angelo und ich die Planung und die Kosten der Beerdigung übernommen. Paolo war nicht nur einige Jahre unser Nachbar, zum Schluss war er sogar einer unserer Mieter. Wir fanden, wir wären es ihm schuldig. Er hat jahrelang den Garten gepflegt, hat kleinere Reparaturen im Haus erledigt, hat uns in Notlagen unterstützt und hat im Übrigen ein recht zurückgezogenes Leben geführt. Und ganz zum Schluss ist er doch noch der Covid-Seuche zum Opfer gefallen, obwohl wir und alle Welt davon ausgegangen waren, dass dieser Schrecken nun endlich vorüber wäre. Bei der großen Überschwemmung im Herbst 2019 hatte er sich eine schwere Lungenentzündung zugezogen, weil er viel zu lange im Wasser gestanden hat, um zu retten, was noch zu retten war. Davon hatte er sich nie wirklich erholt, obwohl er nur selten klagte. Weil er wohl wusste, wie angeschlagen er war, hat er alle Covid-Regeln strikt befolgt und hatte sich sofort impfen lassen, sobald dies möglich war. Und nun ist er doch noch daran gestorben, ein spätes Opfer der Seuche, aber auch des letzten gewaltigen Hochwassers. Lucilla de Luca hat sich einmal mehr bereit erklärt, auf unsere Kinder aufzupassen. So konnten wir beide an der Beisetzung teilnehmen. Auch ihr Mann Silvio begleitete uns. Die de Lucas wohnen zwar erst seit kurzem in unserer früheren Wohnung im dritten Stock. Aber natürlich sind sie Verwandte und Freunde der D‘Estes. Damit nehmen sie im Haus nun eine ähnliche Zwischenstellung ein, wie wir früher, als wir sowohl Mieter, als auch Verwandte und Freunde unserer lieben Vermieterin, der Signora D’Este, waren. Auch einige Nachbarn aus unserem und aus dem Nachbarhaus begleiten uns auf unserem traurigen Weg. Auf dem Friedhof treffen wir Paolos Kusine und drei weitere Trauernde, unter ihnen zu meiner größten Überraschung den Polizisten Marino. Als Sovrintendente bei der Staatspolizei durchsuchte Marino zusammen mit einem Ispettore und Silvio de Luca, der noch ein Agente war, vor drei Jahren unsere Wohnung, weil aus einer Kirche ein Bild verschwunden war und Angelo verdächtigt wurde, es gestohlen zu haben. Damals, bei dieser polizeilichen Durchsuchung, hatten wir Paolo als neutralen Zeugen dazu gebeten. Von Anfang an war offensichtlich gewesen, dass sich Paolo und dieser Marino kannten und sich mit einer Art intensiver, aber achtungsvoller Aversion begegneten. Paolo hatte uns hinterher nur erklärt, er kenne den Marino von früher und der wäre ein Idiot. Und jetzt steht derselbe Marino unter den Trauernden vor der Nische, in die Paolos Urne eingestellt wird, hält eine weiße Rose in der Hand und scheint mit den Tränen zu kämpfen. Nach der Zeremonie versammeln wir uns noch einmal für einen Händedruck am Eingangsportal. Ich sehe, dass Silvio mit Marino spricht, ihm sogar die Hand auf die Schulter legt, und dass Marino sich wohl eine Träne abwischt. Aber das kann auch an dem kühlen Wind liegen, der vom Meer hereinweht und uns alle dazu treibt, eilig zurück in den Schutz der Stadt zu kommen. Auf dem Weg nach Hause frage ich Silvio leise, ob er wüsste, warum sein Kollege zur Beerdigung gekommen wäre. Silvio nickt traurig und erklärt, dass er es schließlich gewesen wäre, der Marino von Paolos Tod verständigt hätte. Sie hätten sich wohl einmal geliebt. Geliebt? Unser Paolo und dieser Marino? Ich bin fassungslos. Silvio zuckt nur mit den Schultern. Es wäre wohl eine große Liebe gewesen und die beiden hätten sogar eine Weile zusammengelebt. Schließlich hätten sie sich aber zerstritten und Paolo wäre weggezogen. Bei der Haussuchung bei uns wären sie sich dann zum ersten Mal wieder begegnet. Bedeutet das, dass Paolo schwul war? „War er“, bestätigt Silvio. „Es war wohl früher schwieriger als heute. Deshalb hat er es nie an die große Glocke gehängt. Aber Ennio Marino hat mir schon damals anvertraut, woher er Paolo kannte. Und er hat immer mit großer Zärtlichkeit über ihn gesprochen. Paolo war wohl seine erste große Liebe und sein erstes gebrochenes Herz. So etwas vergisst man nie. Aber komisch, dass du das nicht gewusst hast!?!“ Nein, das habe ich nicht gewusst. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob Paolo Frauen oder Männer bevorzugt. Ich habe überhaupt nicht über sein Liebesleben nachgedacht. Er lebte allein und es schien ihm so zu gefallen. Er war Teil unseres Hauses, unserer Welt. Er hat uns geholfen, wenn wir Hilfe brauchten. Sonst hat er uns in Ruhe gelassen. Und wir ihn. Gestritten haben wir höchstens einmal darüber, welche Spuren unsere Kinder in dem Garten hinterlassen durften, den er im Grunde als sein Eigentum betrachtete. Ob er glücklich war oder nicht, ob er sich einsam fühlte oder ob er Freunde hatte, das alles habe ich ihn nie gefragt. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass ich ihn danach hätte fragen können. In den Tagen nach der Beerdigung nehmen wir uns Paolos Wohnung vor. Wir haben die Kusine gebeten, dazuzukommen und sich auszusuchen, was sie von seinen Sachen behalten will. Wir haben ihr auch zugesichert, den Transport zu organisieren, denn das ist in Venedig natürlich immer ein Problem. Keiner von uns kann sich ein eigenes Boot leisten, also muss für alles, was größer als eine Kiste ist, die man selbst tragen kann, irgendwoher ein Boot organisiert werden, und das kann manchmal ganz schön schwierig werden. Während wir also auf die Kusine warten, räumen wir auf, leeren und putzen den Kühlschrank aus, beseitigen, was offensichtlich Abfall ist, waschen die Wäsche, obwohl die wahrscheinlich sowieso keiner mehr brauchen kann, und scheuern die Böden, so dass die Wohnung ordentlich und sauber wirkt, als die Kusine schließlich eintrifft. Nicht, dass Paolo seine Umgebung hätte verkommen lassen. Er war auf eine männliche Weise durchaus auf seine Sachen bedacht, aber dann ist er krank geworden und es ist ihm von Tag zu Tag schlechter gegangen. Da ist wohl vieles liegen geblieben, Lebensmittel sind im Kühlschrank verkommen und anscheinend hat auch eine Mäusefamilie ihren Weg in die verlassene Wohnung gefunden. Nun kann die Kusine seine wenigen Möbel, sein Geschirr und seine Wäsche wenigstens in Augenschein nehmen, ohne sich ekeln zu müssen. Wir einigen uns mit ihr darauf, dass sie uns die Gartengeräte und Paolos Werkzeuge überlässt, mit denen sie sowieso nichts anfangen kann, und wir ihr dafür den großen Schrank aus dem Schlafzimmer bringen lassen, sowie den Esstisch und die vier dazugehörenden Stühle. Sie hilft uns, einige Kisten mit Geschirr, Büchern und Bildern zu packen, die sie ebenfalls behalten möchte. Wie zu erwarten, bittet sie uns, die Kleidung und die Wäsche von Paolo wegzuwerfen, weil damit wirklich niemand etwas anfangen kann. Aber ehe wir die Säcke packen, gehen wir doch noch einmal sämtliche Hosen-, Jacken- und Manteltaschen durch und tatsächlich finden wir darin einiges Kleingeld und auch ein paar Geldscheine, kein Vermögen, aber immerhin ein unerwartetes kleines Erbe für die Kusine, der es finanziell wirklich nicht gut geht. Wir arbeiten, bis es dunkel wird, dann holen wir unsere Kinder bei Lucilla ab und laden die Kusine in die Pizzeria um die Ecke ein. Nachdem wir nun fast drei Jahre eingesperrt und isoliert gelebt haben, ist es jedes Mal ein Fest, wieder etwas tun zu können, was uns an die Normalität vor der Seuche erinnert, selbst wenn es nur ein Abend in einem schlichten Lokal um die Ecke herum ist. Natürlich reden wir vor allem über Paolo. Es ist ja so etwas wie sein Leichenschmaus. Aber wir merken schnell, dass die Kusine gar nicht viel über ihn weiß, außer der Tatsache, dass er schwul war. Sie scheint erleichtert zu sein, dass wir das wissen und darüber absolut nicht schockiert sind. In der Familie scheint es deshalb große Probleme gegeben zu haben, was erklären könnte, warum Paolo kaum Kontakt zu seinen Verwandten hatte. Unser Sohn Luigi beteiligt sich lebhaft an unserer Unterhaltung. Paolo war schließlich ein spezieller Freund von ihm, auch wenn es manchmal Stress wegen der Reifenspuren im Gras gab. Er hütet immer noch eine abgeschliffene grüne Scherbe, die ihm Paolo einmal geschenkt hat, und die er lange ‚seinen Schatz‘ nannte, bis er sich damit abfinden musste, dass es sich nicht um einen echten Edelstein handelte. Er ist nun seit einem halben Jahr in der Schule und damit endlich wieder unter Gleichaltrigen. So hat auch er endlich etwas zu erzählen, wenn er nach Hause kommt. Er ist dadurch wieder viel gesprächiger geworden. Unsere kleine Alva kaut derweilen still und fröhlich auf den Pizzastücken herum, die Angelo ihr zurechtgeschnitten hat. Sie ist fast genauso alt wie Luigi es war, als Paolo ihm die grüne Scherbe schenkte. Für sie war Paolo eine Selbstverständlichkeit ihres Lebens, aber natürlich hat sie noch keine Vorstellung vom Tod und vom endgültigen Abschied. Sie ist einfach nur glücklich, dass wir alle um sie herum sind, und dass es in der gemeinsamen Trauer um unseren Freund zur Abwechslung einmal keine Spannungen zwischen uns gibt.
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Kapitel 1 Wir haben dann doch das Vaporetto nach San Michele genommen, der Insel, auf der Venedig seine Toten bestattet. Der Beerdigungsunternehmer hatte uns natürlich angeboten, uns mit dem offiziellen Trauerboot hinüber zu fahren. Wir hätten das Angebot vielleicht angenommen, wenn es sich nicht nur um eine schlichte Urnenbeisetzung gehandelt hätte. In Schwarz mit Schleier auf einem offenen Boot hinter einem blumengeschmückten Sarg fast lautlos dahinzu-ziehen, wäre eine sehr venezianische Art stiller Trauer gewesen. Öffentlich mit einem kleinen Blumenstrauß hinter einer einfachen Urne zu stehen, wäre uns dagegen absurd vorgekommen. Wenn in Venedig eines dieser Trauerboot an einem vorbeigleitet, hält man automatisch inne. Man senkt den Kopf und denkt einen Moment über das Leben und den Tod nach. Ältere Frauen bekreuzigen sich vielleicht noch traditionell, die wenigen Herren, die noch Hüte tragen, nehmen diese ab und halten sie kurz vor die Brust. Der Rest von uns ist einfach nur für einen Augenblick betroffen. Eine Prozession durch die Stadt konnten wir Paolo leider nicht bieten. Nach seinem Tod stellte sich heraus, dass sein einziges Bankkonto geradezu auf ‚Null‘ stand und der Rest auch nicht viel Wert hatte. Also suchten wir erst einmal nach möglichen Verwandten. Schließlich fanden wir eine Kusine, die uns bestätigte, dass es außer ihr wohl niemanden mehr gäbe, der für die Beerdigung aufkommen könnte. Aber auch diese Kusine war nicht in der Lage, die Beerdigung zu bezahlen, weil sie durch die Seuche ihren Lebensunterhalt verloren hatte und jetzt selbst von Sozialhilfe leben muss. Also haben Angelo und ich die Planung und die Kosten der Beerdigung übernommen. Paolo war nicht nur einige Jahre unser Nachbar, zum Schluss war er sogar einer unserer Mieter. Wir fanden, wir wären es ihm schuldig. Er hat jahrelang den Garten gepflegt, hat kleinere Reparaturen im Haus erledigt, hat uns in Not- lagen unterstützt und hat im Übrigen ein recht zurückgezogenes Leben geführt. Und ganz zum Schluss ist er doch noch der Covid-Seuche zum Opfer gefallen, obwohl wir und alle Welt davon ausgegangen waren, dass dieser Schrecken nun endlich vorüber wäre. Bei der großen Überschwemmung im Herbst 2019 hatte er sich eine schwere Lungenentzündung zugezogen, weil er viel zu lange im Wasser gestanden hat, um zu retten, was noch zu retten war. Davon hatte er sich nie wirklich erholt, obwohl er nur selten klagte. Weil er wohl wusste, wie angeschlagen er war, hat er alle Covid-Regeln strikt befolgt und hatte sich sofort impfen lassen, sobald dies möglich war. Und nun ist er doch noch daran gestorben, ein spätes Opfer der Seuche, aber auch des letzten gewaltigen Hochwassers. Lucilla de Luca hat sich einmal mehr bereit erklärt, auf unsere Kinder aufzupassen. So konnten wir beide an der Beisetzung teilnehmen. Auch ihr Mann Silvio begleitete uns. Die de Lucas wohnen zwar erst seit kurzem in unserer früheren Wohnung im dritten Stock. Aber natürlich sind sie Verwandte und Freunde der D‘Estes. Damit nehmen sie im Haus nun eine ähnliche Zwischenstellung ein, wie wir früher, als wir sowohl Mieter, als auch Verwandte und Freunde unserer lieben Vermieterin, der Signora D’Este, waren. Auch einige Nachbarn aus unserem und aus dem Nachbarhaus begleiten uns auf unserem traurigen Weg. Auf dem Friedhof treffen wir Paolos Kusine und drei weitere Trauernde, unter ihnen zu meiner größten Überraschung den Polizisten Marino. Als Sovrintendente bei der Staatspolizei durchsuchte Marino zusammen mit einem Ispettore und Silvio de Luca, der noch ein Agente war, vor drei Jahren unsere Wohnung, weil aus einer Kirche ein Bild verschwunden war und Angelo verdächtigt wurde, es gestohlen zu haben. Damals, bei dieser polizeilichen Durchsuchung, hatten wir Paolo als neutralen Zeugen dazu gebeten. Von Anfang an war offensichtlich gewesen, dass sich Paolo und dieser Marino kannten und sich mit einer Art intensiver, aber achtungsvoller Aversion begegneten. Paolo hatte uns hinterher nur erklärt, er kenne den Marino von früher und der wäre ein Idiot. Und jetzt steht derselbe Marino unter den Trauernden vor der Nische, in die Paolos Urne eingestellt wird, hält eine weiße Rose in der Hand und scheint mit den Tränen zu kämpfen. Nach der Zeremonie versammeln wir uns noch einmal für einen Händedruck am Eingangsportal. Ich sehe, dass Silvio mit Marino spricht, ihm sogar die Hand auf die Schulter legt, und dass Marino sich wohl eine Träne abwischt. Aber das kann auch an dem kühlen Wind liegen, der vom Meer hereinweht und uns alle dazu treibt, eilig zurück in den Schutz der Stadt zu kommen. Auf dem Weg nach Hause frage ich Silvio leise, ob er wüsste, warum sein Kollege zur Beerdigung gekommen wäre. Silvio nickt traurig und erklärt, dass er es schließlich gewesen wäre, der Marino von Paolos Tod verständigt hätte. Sie hätten sich wohl einmal geliebt. Geliebt? Unser Paolo und dieser Marino? Ich bin fassungslos. Silvio zuckt nur mit den Schultern. Es wäre wohl eine große Liebe gewesen und die beiden hätten sogar eine Weile zusammengelebt. Schließlich hätten sie sich aber zerstritten und Paolo wäre weggezogen. Bei der Haussuchung bei uns wären sie sich dann zum ersten Mal wieder begegnet. Bedeutet das, dass Paolo schwul war? „War er“, bestätigt Silvio. „Es war wohl früher schwieriger als heute. Deshalb hat er es nie an die große Glocke gehängt. Aber Ennio Marino hat mir schon damals anvertraut, woher er Paolo kannte. Und er hat immer mit großer Zärtlichkeit über ihn gesprochen. Paolo war wohl seine erste große Liebe und sein erstes gebrochenes Herz. So etwas vergisst man nie. Aber komisch, dass du das nicht gewusst hast!?!“ Nein, das habe ich nicht gewusst. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob Paolo Frauen oder Männer bevorzugt. Ich habe überhaupt nicht über sein Liebesleben nachgedacht. Er lebte allein und es schien ihm so zu gefallen. Er war Teil unseres Hauses, unserer Welt. Er hat uns geholfen, wenn wir Hilfe brauchten. Sonst hat er uns in Ruhe gelassen. Und wir ihn. Gestritten haben wir höchstens einmal darüber, welche Spuren unsere Kinder in dem Garten hinterlassen durften, den er im Grunde als sein Eigentum betrachtete. Ob er glücklich war oder nicht, ob er sich einsam fühlte oder ob er Freunde hatte, das alles habe ich ihn nie gefragt. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass ich ihn danach hätte fragen können. In den Tagen nach der Beerdigung nehmen wir uns Paolos Wohnung vor. Wir haben die Kusine gebeten, dazuzukommen und sich auszusuchen, was sie von seinen Sachen behalten will. Wir haben ihr auch zugesichert, den Transport zu organisieren, denn das ist in Venedig natürlich immer ein Problem. Keiner von uns kann sich ein eigenes Boot leisten, also muss für alles, was größer als eine Kiste ist, die man selbst tragen kann, irgendwoher ein Boot organisiert werden, und das kann manchmal ganz schön schwierig werden. Während wir also auf die Kusine warten, räumen wir auf, leeren und putzen den Kühlschrank aus, beseitigen, was offensichtlich Abfall ist, waschen die Wäsche, obwohl die wahrscheinlich sowieso keiner mehr brauchen kann, und scheuern die Böden, so dass die Wohnung ordentlich und sauber wirkt, als die Kusine schließlich eintrifft. Nicht, dass Paolo seine Umgebung hätte verkommen lassen. Er war auf eine männliche Weise durchaus auf seine Sachen bedacht, aber dann ist er krank geworden und es ist ihm von Tag zu Tag schlechter gegangen. Da ist wohl vieles liegen geblieben, Lebensmittel sind im Kühlschrank verkommen und anscheinend hat auch eine Mäusefamilie ihren Weg in die verlassene Wohnung gefunden. Nun kann die Kusine seine wenigen Möbel, sein Geschirr und seine Wäsche wenigstens in Augenschein nehmen, ohne sich ekeln zu müssen. Wir einigen uns mit ihr darauf, dass sie uns die Gartengeräte und Paolos Werkzeuge überlässt, mit denen sie sowieso nichts anfangen kann, und wir ihr dafür den großen Schrank aus dem Schlafzimmer bringen lassen, sowie den Esstisch und die vier dazugehörenden Stühle. Sie hilft uns, einige Kisten mit Geschirr, Büchern und Bildern zu packen, die sie ebenfalls behalten möchte. Wie zu erwarten, bittet sie uns, die Kleidung und die Wäsche von Paolo wegzuwerfen, weil damit wirklich niemand etwas anfangen kann. Aber ehe wir die Säcke packen, gehen wir doch noch einmal sämtliche Hosen-, Jacken- und Manteltaschen durch und tatsächlich finden wir darin einiges Kleingeld und auch ein paar Geldscheine, kein Vermögen, aber immerhin ein unerwartetes kleines Erbe für die Kusine, der es finanziell wirklich nicht gut geht. Wir arbeiten, bis es dunkel wird, dann holen wir unsere Kinder bei Lucilla ab und laden die Kusine in die Pizzeria um die Ecke ein. Nachdem wir nun fast drei Jahre eingesperrt und isoliert gelebt haben, ist es jedes Mal ein Fest, wieder etwas tun zu können, was uns an die Normalität vor der Seuche erinnert, selbst wenn es nur ein Abend in einem schlichten Lokal um die Ecke herum ist. Natürlich reden wir vor allem über Paolo. Es ist ja so etwas wie sein Leichenschmaus. Aber wir merken schnell, dass die Kusine gar nicht viel über ihn weiß, außer der Tatsache, dass er schwul war. Sie scheint erleichtert zu sein, dass wir das wissen und darüber absolut nicht schockiert sind. In der Familie scheint es deshalb große Probleme gegeben zu haben, was erklären könnte, warum Paolo kaum Kontakt zu seinen Verwandten hatte. Unser Sohn Luigi beteiligt sich lebhaft an unserer Unterhaltung. Paolo war schließlich ein spezieller Freund von ihm, auch wenn es manchmal Stress wegen der Reifenspuren im Gras gab. Er hütet immer noch eine abgeschliffene grüne Scherbe, die ihm Paolo einmal geschenkt hat, und die er lange ‚seinen Schatz‘ nannte, bis er sich damit abfinden musste, dass es sich nicht um einen echten Edelstein handelte. Er ist nun seit einem halben Jahr in der Schule und damit endlich wieder unter Gleich-altrigen. So hat auch er endlich etwas zu erzählen, wenn er nach Hause kommt. Er ist dadurch wieder viel gesprächiger geworden. Unsere kleine Alva kaut derweilen still und fröhlich auf den Pizzastücken herum, die Angelo ihr zurechtgeschnitten hat. Sie ist fast genauso alt wie Luigi es war, als Paolo ihm die grüne Scherbe schenkte. Für sie war Paolo eine Selbstverständ- lichkeit ihres Lebens, aber natürlich hat sie noch keine Vorstellung vom Tod und vom endgültigen Abschied. Sie ist einfach nur glücklich, dass wir alle um sie herum sind, und dass es in der gemeinsamen Trauer um unseren Freund zur Abwechslung einmal keine Spannungen zwischen uns gibt.